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#BG2GETHER – Genug ist genug!

Mit #BG2GETHER wollen wir uns, genau wie jeden anderen Monat, gemeinsam mit Kolleg*innen einer weiteren Frage stellen. Diesmal werden wir wieder einmal zurückblicken. Uns selbst analysieren und auch das eine oder andere Geständnis abliefern. Denn wir fragen uns:

Frage des Monats Mai 2022

Hirnzwirbler sind toll, aber ab wann ist zu viel zu viel? Und welche Titel haben dich an den Rand der Verzweiflung getrieben? 

BG2GETHER - Mai 2022 - Genug ist GenugUm das zu beantworten, muss ich ziemlich weit ausholen. Zurück zum Beginn meiner Spielerkarriere. Nein, nicht ganz an den Anfang, wobei ich als Kind auch diverse Probleme hatte, manche Spiele zu erfassen (an Basil der große Mäusedetektiv, White Lady, Jade König kann ich mich hier noch erinnern – ich habe auch recht früh aufgegeben), aber das schiebe ich einfach mal darauf, dass ich einfach zu jung war. Ich spreche von meinem Erwachen. Nach meiner Rollenspielphase (in der ich mir auch einige Spiele kaufte oder mitzuspielen versuchte, die ich einfach nicht erfassen konnte). In der ich mit Mitte 20 so richtig mit Brettspielen durchstartete und schon bald derart von mir selbst überzeugt war, dass ich mir immer mehr Spiele wünschte. Eines davon war Mage Knight.

Bitte nicht lachen. Ich war jung und voller Euphorie, dass ich Brocken wie Siedler von Catan (das hieß damals noch so), El Grande und Alhambra fehlerfrei spielen konnte! Nein, das waren nicht die tatsächlichen Titel, aber vom Schwierigkeitsgrad dürfen sie hinkommen. Trunken der Macht und versaut durch das Internet dachte ich, dass ich nun den Thron besteigen könne. Also wünschte ich mir zu einem Geburtstag Mage Knight und bekam es dann auch noch. Oh weh mir! Vollkommen überfordert versuchte ich mich an diesem Monster. Und was soll ich sagen? Es hat mich mit Haut und Haar gefressen, sauber zerkaut und dann in die Ecke gespuckt. Ich konnte einfach nicht nachvollziehen, was ich denn hier eigentlich tun sollte und wie das Ding funktioniert.

Verschreckt vom Ganzen habe ich es dann auch irgendwann verkauft. Jahre später war es mir dann vergönnt, Mage Knight bei Freunden mitzuspielen. Und es war gar nicht so schlimm, wie ich es in Erinnerung hatte. Zwar habe ich in meiner ersten und einzigen Partie nicht sonderlich gut gespielt, aber ich verstand zumindest, wie der Ablauf funktioniert.

Trickeriona

Trickerion

Das war der Albtraum-Moment meiner Spielerkarriere. Später kamen natürlich noch schwere Euros auf den Tisch. Dabei gab es eigentlich keines mehr, was mich vom Ablauf her so richtig ins Schwitzen gebracht hätte. Klar brauchte das eine oder andere eine Trockenpartie, um die Regeln zu verinnerlichen oder eben eine echte Partie, um zu erkennen, wie alles zusammenhängt. Aber spielbar waren sie alle.

Jedoch gibt es dann ja noch die eine Kategorie. Die Spiele, die einem einfach zu anstrengend sind. Versteht mich nicht falsch. Ich stelle mich gerne einer Herausforderung, aber es gibt eben auch Titel, die über das Ziel hinausschießen. Sei es, weil sie komplex und kompliziert verwechseln oder einfach, weil sie viel zu sperrig sind. In ersterem Fall versuchen sich Spiele eine Komplexität durch viele Mini-Regeln zu erkaufen, auf die man achten muss. Du möchtest diesen Rohstoff veredeln? Aber nur, wenn die Sterne günstig stehen, du dich den ganzen Tag zuckerfrei ernährt hast und das Alphabet innerhalb von 10 Sekunden rückwärts aufsagen kannst. Beim anderen braucht es einen Handstand, ein Büschel Einhornhaar und man muss eine beliebige Passage aus Krieg und Frieden frei rezitieren. Nein, Komplexität entsteht nicht darin, dass man zig Bedingungen kennen und erfüllen muss.

Corrosion

Und dann gibt es noch die Spiele, die einfach sperrig sind. Vor Kurzem hatte ich das Vergnügen, Corrosion spielen zu dürfen. Ein Spiel, das mit seinen Mechaniken neue Wege beschreitet und dabei sogar richtig tolle Ideen in einem Spiel vereint. Aber mir war es dann einfach zu anstrengend. Immer das richtige Timing finden und ständig alles von fast 0 weg aufzubauen war nichts, was mir die Freudentränen in die Augen trieb. Natürlich wäre das mit weiteren Partien besser geworden, aber ich konnte mich einfach nicht dazu aufraffen.

Wasserkraft - 12

Wasserkraft

Aber eines kann ich an mir beobachten. Wenn ich richtig schwerere Spiele auf dem Tisch habe, passiert meist eigentlich immer genau dasselbe. Ich denke mich zu Beginn einer Partie komplett hinein, versuche die optimalen Züge zu machen und das Beste herauszuholen. Doch irgendwann ist der Bogen überspannt. Die Möglichkeiten erschlagen mich förmlich und ich spüre, wie ich anfange, nur noch grob über einen Zug nachzudenken. Einfach kurz, was ich machen möchte, wie ich es erreiche und fertig. Keine komplett optimierten Züge. Ab dem Punkt, an dem es mir zu anstrengend wird, spiele ich fast ausschließlich aus dem Bauch heraus. Nicht gut, aber es macht mir einfach mehr Freude.

Food Chain Magnate

Food Chain Magnate

Direkt in den Sinn kommt mir hier ein Abend mit Food Chain Magnate mit Paul. Ich war voll in der Partie, dachte, dass ich mich auf der Siegerstraße befinde. Mein Franchise lief und ich lieferte an die hungrigen Bewohnenden, was ich ihnen zuvor einreden konnte. Und was machte Paul? Der baute seine Werbekampagne kurzerhand über die komplette Stadt und brachte meine Kunden auf die Idee, dass sie Burger haben wollen. Alle Pläne brachen in sich zusammen und ich musste meine Niederlage eingestehen. Aber Paul ist, was Planungen angeht, eh ein Monster. Da kann ich auch gerne verlieren.

Alles in allem kann ich also sagen, dass ich mich schon auf komplexe Titel freue und gerne auch etwas Neues entdecke. Auch bereiten mir die Titel Spaß, aber ich spiele sie eben in meinem Takt und Umfang.

Bonusfrage: Und was ist am anderen Ende der Skala? Welches sehr einfache Spiel bereitet dir unglaublicherweise immensen Spaß?

Es gibt erstaunlich viele einfache Spiele, die mir Freude bereiten. Fangen wir mal ganz unten an und nennen Impact. Das Hassspiel von Robert. Er versteht einfach nicht, was mir daran gefällt. Aber ihm fehlt halt auch meine Familie, die sich dabei gegenseitig aufzieht und durch ihre Aktion außerhalb des Spiels genau den Spaß bringt, den ich brauche. Ja, Impact selbst ist nicht der Hammer. Aber in der Kombination eben toll!

Impact

Impact

Ansonsten spielen wir mit meiner Mutter sehr häufig Take That. Auch kein besonders forderndes Spiel, aber hier steht eben die Freude, die ich meiner Mutter bereiten kann, im Mittelpunkt. Außerdem finde ich es toll, wenn ich der Einzige bin, der mit Pluspunkten aus der Partie geht. Ist es peinlich, dass ich mich in dem Moment freue wie ein kleines Kind? Ich denke nicht.

Take That

Take That

Und diese Liste ließe sich noch fast unendlich erweitern. Denn nicht die Komplexität eines Spiels macht aus, ob es gut oder schlecht ist, sondern die Zeit mit den Menschen, die man damit verbringen kann. Natürlich klappt das nicht mit schlechten Spielen. Aber sind alle am Tisch gebannt und voller Freude? Dann hat sich die gemeinsame Zeit doppelt und dreifach gelohnt.

Die weiteren Teilnehmer:

Ihr seid Content Creator im Brettspielbereich und möchtet an der #BG2GETHER Aktion mitmachen? Schickt uns einfach eine kurze Mail an Christian@Spielstil.net.

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Written by Christian Renkel
Christian liebt Brett- und Videospiele mehr, als ausreichenden Schlaf. Dabei ist ihm am wichtigsten, dass er in der jeweiligen Welt versinken kann. Egal, ob es die geschickte Mechanik oder die überkochende Emotion ist.
2 Comments
  1. ? Du sprichst mir aus der Seele Christian…ca.2008 oder 2009 begann ich wieder intensiver Brettspiele zu spielen (Dominion etc.). Seit dieser Zeit bemerke ich an mir, wie meine Aufnahmefähigkeit bezügl. Boardgames stark gestiegen ist und ich kann mir immer komplexere Regeln merken. 2011 begann ich dann, ein paar inoffizielle Karten für Dominion zu gestalten. Damit gestaltete sich mein Spieleentwicklerdrang und ich baute an meinem ersten Proto. Mein Ziel ein Spiel zu entwickeln, welches einen einfachen, aber dennoch knackigen Mechanismus, als auch Lesefreude der Regeln zu kreieren, ist bis heute immer wieder eine Herausforderung…Gerade im Moment sitze ich wieder an einer Regel, bei der ich mich Frage ,,hmm…würde ein/e 8 jährige/r das mit meiner Art zu schreiben, lesen und verstehen wollen?? Aber wenn ich es hinbekomme, ein Spiel samt Anleitung so zu entwickeln, dass es ein Kind oder auch ein Erwachsener ohne Probleme und mit Freude, einprägsam und manchmal auch komplexer versteht, dann habe ich schon viel gewonnen. Denn bei aller Liebe zur Komplexität der heutigen Spiele, ist für mich nach wie vor die oberste Priorität, dass es Spaß machen sollte und nicht schon beim lesen ein Lesekiller ist. Spiele zu entwickeln ist oft anstrengend genug, macht aber sehr glücklich, wenn andere es testen und konstruktive Kritik bringen. Dann wird es beim nächsten Schritt des entwickelns besser. (einfacher)! Für mich als Spieler&Autor steht der Spielspaß an 1. Stelle! Ich zb. (liebe Spiele mit einem gewissen Glücksfaktor, aber auch knackiger Mechanik…verzweifle aber ab und an auch ein meiner eigenen Komplexität und Hirnverwindungen dies einfach und deutlich zu Papier zu bringen?). In diesem Sinne, liebe Grüsse Dirk

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