Prêt-à-Porter

Ich weiß, ich wiederhole mich. Aber ich stehe einfach auf Spiele mit ungewöhnlicher Thematik. Graubraune Mittelalterspiele kann jeder. Und obwohl die Titel abseits dieses Einheitsbreis in den letzten Jahren immer mehr zunehmen gibt es einzelne Vertreter, die selbst da herausstechen. Prêt-à-Porter ist einer von ihnen.

Als ich meine Most-Wanted-Liste für Essen 2019 vorbereitet habe, landete er auch direkt darauf. Obwohl es sich im Grunde genommen bereits um die dritte Auflage des Spiels handelt, hatte ich bisher nichts davon gehört oder gesehen. Optisch hatten mich die Vorschaubilder natürlich sofort abgeholt und als ich gelesen habe, dass sich hier ein knallhartes Wirtschaftsspiel versteckt, war es um mich geschehen.

Ob ich nach meinen Testpartien die anfängliche Euphorie immer noch teile oder einen Bauchplatscher der Marke Cover Me erlebte, erzähle ich euch hier.



Mode ist wie Bundesjugendspiele. Du musst eine Menge Disziplinen einigermaßen können, damit Du eine Urkunde bekommst.

(Michel Michalsky)

Prêt-à-Porter ist im Kern ein Worker-Placement Spiel. Über acht Runden setzen wir unsere Arbeiter ein und lösen mit diesen die benötigten Aktionen aus. Dadurch schaffen wir es Schritt für Schritt unser Unternehmen auszubauen und, im besten Fall, dadurch weitere Aktionsmöglichkeiten zu ergattern, für die wir keine Arbeiter einsetzen müssen. Denn, wie wir schnell feststellen, würde uns das Ganze sonst schnell über den Kopf wachsen.

Ob ihr wirklich richtig steht, seht ihr, wenn das Licht angeht.

Erweiterungen für die Firma gibt es drei. Verträge versorgen einen über zwei Quartale mit einem Bonus. Gebäudeerweiterungen, bieten nicht nur neuen Mitarbeitern Platz, sondern helfen einem mit Sonderaktionen und Bonussen weiter. Zuletzt gibt es noch Mitarbeiter, die uns auch wieder unter die Arme greifen. Während Verträge im Spiel automatisch schlechter werden und dann abgeworfen werden müssen, kann man Gebäude und Mitarbeiter aufwerten. Das nötige Kleingeld vorausgesetzt. Sollte uns das mal ausgehen, können wir uns jedoch immer noch mit Krediten oder Darlehen über Wasser halten. Und das kann schnell nötig werden, da alles unsere laufenden Kosten beeinflussen kann, die wir zu tragen haben.

Wir haben einen aktuellen Vertrag (links), zwei Gebäude (rechts) und zwei Mitarbeiter (unten). Unsere laufenden Kosten liegen bei 11. Nun nehmen wir noch einen Kredit auf, der die laufenden Kosten steigert, sodass wir unseren Marker auf 12 schieben müssen.

Aber im Kern sind wir natürlich immer noch ein Modelabel. Also müssen wir auch dafür sorgen, dass wir immer die hippsten Schnitte unser Eigen nennen. Diese müssen wir dann noch über drei verschiedene Märkte mit den nötigen Rohstoffen versorgen, wobei sie sich je nach Markt in Preis und Qualität unterscheiden. Kommt es dann zur Modenschau präsentiert jeder von uns seine Kollektion. Diese muss immer aus einer Gattung, wie zum Beispiel sportlich, bestehen und mit den nötigen Rohstoffen versorgt sein. Danach werden die einzelnen Kategorien prämiert. Wer hier jeweils die Nase vorn hat, kann mit vielen Siegpunkten rechnen.

In der zweiten Modenschau des Spiels werden von beiden Plättchen die oberen drei Kategorien gewertet. Laut den Symbolen vergleichen die Spieler diesmal die Anzahl an Qualitäts-, PR- und Trendmarker. Die Anzahl an Karten in der Kollektion wird diesmal nicht berücksichtigt.

Nach der Modenschau wird noch Geld in die Kassen gespült. Zum einen für die Kollektion selbst, zum anderen für Erfolg in den einzelnen Kategorien der Modenschau. Nach zwölf Runden ist das Spiel vorbei. Wer nun seine Kredite und Darlehen nicht zurückzahlen kann, hat automatisch verloren. Beim Rest werden errungene Siegpunkte und das übrige Geld addiert. Wer hier die Nase vorn hat, hat den größten Geschäftssinn bewiesen.

Der Ruf der Bücher hängt vom Geschmack des Zeitalters ab. Selbst das Alte ist dem Wechsel der Moden unterworfen.

(Joseph Joubert)


Christian meint:

Ihr kennt sicherlich auch Spiele, bei denen ihr die Regeln gelesen und euch auf die erste Partie gefreut habt. Ihr wart sicher, alles direkt verstanden zu haben und sofort loslegen zu können. Aber, sobald ihr vor dem aufgebauten Spielbrett sitzt, schweben nur noch große Fragezeichen über eurem Kopf. Prêt-à-Porter ist eines dieser Spiele. Nicht, weil es so schwer wäre, sondern, weil es teilweise mit Informationen geizt. Das fängt schon bei der Rundenleiste an. Klar kann man sich irgendwann zusammenreimen, welches Symbol welche Phase des Spiels repräsentiert, aber eine Übersicht hätte hier nicht geschadet. Zumal die Aufwertungs-Phase dort komplett fehlt.

Aber auch die Symbole auf den Karten sind zwar eindeutig, jedoch war mir nicht sofort klar, wann diese eingesetzt werden können. Während andere Spiele mit einem Glossar selbst einfachste Zusammenhänge zu Tode erklären, erwartet Prêt-à-Porter, dass man sich alles selbst erarbeitet. Ja, werdet ihr sagen, das gehört zu einem komplexen Spiel halt dazu. Stimmt, aber es gibt dennoch Stolpersteine, die man durch einfache Mittel aus dem Weg räumen könnte.

Als Service für euch die Erklärung der Symbole. Arbeiterphase - Unterhaltphase - Arbeiterphase - Unterhaltphase - Prestige in Siegpunkte tauschen - Modenschau - Unterhaltphase - Verträge abwerten.

Während Prêt-à-Porter das wirtschaftliche Leben der Modebranche im Kern gut darstellt, ist für mich der Glücksfaktor ein kleiner Stimmungskiller. Durch die Karten kann man nie so richtig steuern, wann etwas ins Spiel kommt. Erhalte ich passende Designs für meine Kollektion? Kann ich einen für mich wichtigen Vertrag mit einem Dienstleister abschließen? Bekomme ich gerade jetzt ein Gebäude, das mich unterstützt? Während man in der Realität gezielt agieren könnte, muss man hier auf die passenden Karten warten. Das kann als Simulation angesehen werden - man braucht in der Realität neben harter Arbeit noch Zeit und Glück - aber spielerisch fühlt es sich nicht ganz rund an.

So muss ein Inlay aussehen. Herausholen, auf den Tisch stellen, loslegen.

Die Ausstattung von Prêt-à-Porter ist dafür über jeden Zweifel erhaben. Die Optik atmet Atmosphäre, die Marker und Tableaus sind alle stabil und das Inlay ist das beste, was ich seit Langem gesehen habe. Es bedarf keiner langen Vorbereitung das Spiel aufzubauen, sodass man sich schnell ins Vergnügen stürzen kann. Dabei stört es mich kaum, dass wir wieder einen Vertreter der solitären Multiplayerspiele vor uns haben. Denn außer sich Karten oder Einsetzplätze wegzuschnappen, gibt es keine richtige Interaktion. Ich kann das genießen, da ich mit meiner eigenen Firma schon gefordert genug bin, um rechtzeitig mit meiner neuen Kollektion bereit zu stehen.

In Prêt-à-Porter fühlen sich alle Entscheidungen wichtig an. Es ist vom Ablauf her zwar viel Wiederholung dabei, da man von Anfang bis Ende eben dasselbe macht, aber die Herausforderung erfolgreich zu sein stimmt. Natürlich kann es frustrieren, wenn man sich 90 Minuten durch das Modeleben gekämpft hat, nur um festzustellen, dass man abgesoffen ist, aber das gehört irgendwo zu einem Wirtschaftsspiel dazu. Eine Reduktion des Glücksfaktors - vor allem in der Auswahl der Designs - würde mir persönlich besser gefallen, aber auch so kann ich mit Prêt-à-Porter eine gute Zeit haben. Das Spiel ist ganz ok, aber ich habe nicht das Gefühl, dass ich es ständig auf den Tisch bringen will.

Christian Renkel
Written by Christian Renkel
Christian liebt Brett- und Videospiele mehr, als ausreichenden Schlaf. Dabei ist ihm am wichtigsten, dass er in der jeweiligen Welt versinken kann. Egal, ob es die geschickte Mechanik oder die überkochende Emotion ist. So erreicht ihr ihn: Christian@Spielstil.net
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