SPIELSTIL Rezension

Marrakesh

Lesezeit: 9 Minuten

Ein Spiel entwickelt von Stefan Feld
erschienen bei Queen Games

Manch Spiel muss einfach Weile haben. So könnte man grob eine unserer aufgestellten Regeln für uns als Rezensenten zusammenfassen. Denn es bringt unserer Meinung nach nichts, Brettspiele nur grob anzureißen, um darüber sprechen zu können. Am besten noch, bevor alle anderen darüber berichten. Das sorgt zwar ab und an dafür, dass man etwas länger braucht, aber gleichzeitig kann man dann bewusst hinter der eigenen Meinung stehen. Es gibt sehr selten Fälle, bei denen ich hiervon abweiche. Da muss ein Titel schon außergewöhnlich sein. Also in den meisten Fällen außergewöhnlich schlecht. So schlecht, dass ich mich weigere, auch nur noch eine weitere Partie absolvieren zu wollen. Aber das schreibe ich dann auch in die entsprechende Rezension, damit alle wissen, woran sie sind.

Warum ich das hier schreibe? Weil ich eben auch Marrakesh durch den kompletten Prozess durchlaufen lassen wollte. Dabei schlugen immer wieder Rezensionen und Begeisterungsstürme ein, die ich dann so weit wie möglich ignorieren musste. Schließlich will man sich selbst nicht unbedingt beeinflussen lassen. Denn zum einen braucht es eben Zeit, ein Brettspiel zu durchschauen. Zum anderen kann auch die aufgebaute Erwartungshaltung zum Verhängnis werden.

Spiel 22 Essen - Brettspielmesse - Marrakesh

Marrakesh wurde in Essen in der Deluxe Ausgabe präsentiert.

Marrakesh und die Fallhöhe

Aber es ist, wie es schon immer war. Man steht sich einfach selbst zu sehr im Weg. Die vielen positiven Reaktionen in sozialen Medien und die Präsentation von Queen Games auf der Spiel in Essen hatten die Fallhöhe von Marrakesh bereits stark anwachsen lassen, bevor wir überhaupt eine erste Partie spielen konnten. Ein gefährliches Konstrukt, welches schnell dafür sorgen kann, dass die Vorfreude und der Altar, den man gedanklich einem Ausnahmespiel gebaut hatte, dieses dann einfach unter sich zerdrückt. So viel sei an dieser Stelle schon mal verraten. Das Problem hatte mich mit Marrakesh dann doch weiter belastet, als ich es gerne zugelassen hätte.

Mit einer Enttäuschung wird man eher fertig, als mit einer zerstörten Illusion.

(Friedl Beutelrock)

Aber beschäftigen wir uns zuerst einmal damit, was Marrakesh überhaupt ausmacht. Das wichtigste Material im Spiel stellen die sogenannten Keshis dar. Kleine sechsseitige Holzprismen, die für alles im Spiel verantwortlich sind. Diese gibt es in 12 Farben, welche alle für einzelne Aktionsbereiche auf dem eigenen Spielbrett verantwortlich sind. Alle Spielenden erhalten am Anfang der Runde von jeder Farbe einen Keshi. Von diesem wählt man zu Beginn der aktuellen Phase die drei der Bereiche aus, mit denen man gerne eine Aktion ausführen möchte. Somit ist eines klar, wir werden in einer Runde jede der Aktionen genau einmal ausführen, den Zeitpunkt bestimmen wir dabei selbst. Durch den roten Keshi erhalten wir noch die Möglichkeit, eine Aktion ein zweites Mal zu verwenden, da er einen Joker darstellt.

Marrakesh - Brettspiel - Rezension - Beispiel13

Marrakesh braucht sehr viel Platz!

Keshis, Dreh- und Angelpunkt von Marrakesh

Haben alle ihre Keshis gewählt, werden die Bereiche noch markiert und im Anschluss alle gebotenen Keshis in den Würfelturm geworfen. Dieser ist so aufgebaut, dass nicht immer alle Keshis herausfallen. Mitunter bleiben sie auch hängen oder es purzeln noch Keshis aus vorherigen Runden mit hinaus. Diese werden dann noch farblich sortiert. Danach nimmt sich jeder in Spielreihenfolge immer bis zu zwei derselben Farbe, bis alle Keshis aufgeteilt sind. Die genommenen Keshis werden sofort in ihren jeweiligen Bereich gesetzt. Manche lösen dabei einen Sofortbonus aus, jedoch haben alle eines gemein. Je mehr Keshis einer Farbe in einem Bereich sind, desto stärker wird die Aktion sein, die ich dort ausführe.

Marrakesh - Brettspiel - Rezension - Beispiel27

Die zwei grünen Keshis bringen uns zwei Datteln. Der rote ein Wasser.

Sind alle Keshis verteilt, werden nacheinander die zuvor markierten Aktionen ausgelöst. Immer schön reihum einzeln, bis alle drei gemacht wurden. Dabei bleibt mir immer die Wahl, ob ich die Aktion selbst nutzen möchte oder lieber nochmals einen Keshi der passenden Farbe einsetze. Von den Bereichen gibt es unterschiedliche. Man kann Datteln sammeln, auf dem Fluss voranschippern, Gehlehrtenplättchen kaufen, Tore einsetzen, Waren kaufen, das Rondell verwenden, Oasen entdecken oder Treppen hinaufsteigen. Alles unterschiedliche Wege, die alle etwas gemeinsam haben. Alle bringen uns auf ihre eigene Art und Weise voran.

Marrakesh - Brettspiel - Rezension - Beispiel25

Viele Wege führen in Marrakesh zu Siegpunkten.

Manch ein Bereich unterstütz uns lediglich mit Rohstoffen, welche wir an andere Stelle wieder verwenden, um an Siegpunktmöglichkeiten zu gelangen. Andere Bereiche wiederum sind ein Wettlauf um besondere Belohnungen, während manche eher für das Spielende interessant werden. Dieses ist dann auch nach drei Runden eingeläutet. Nun gibt es noch viele Möglichkeiten, Siegpunkte zu erhalten. Sei es durch erfüllte Oasenbedingungen, komplett mit Keshis gefüllten Bereichen oder übrige Rohstoffe und Warenkeshis. Wer dann am Spielende die meisten Punkte sammeln konnte, gewinnt.

Bei jeder Arbeit ist es vor allem wichtig, daß man zuerst einmal einfach irgendwie anfängt. Dann kommt die Sache in Fluß.

(Carl Hilty)



Christian meint:

Marrakesh hatte es mit mir nicht allzu leicht. Aber hierzu muss ich zuerst noch einmal auf die Fallhöhe hinweisen, die das Spiel vor meiner ersten Partie aufgebaut hatte. Da waren die ganzen positiven Rückmeldungen vom Queen Games Presseevent, die wundervolle Präsentation des Spiels in Essen und dann eine um die andere Meldung, die über soziale Medien einging und das Brettspiel in den Himmel lobten. Also baute sich natürlich eine gewisse Erwartungshaltung in mir auf. Marrakesh konnte nur das nächste Lieblingsspiel werden, das sich problemlos unter den Top 3 meiner liebsten Spiele aller Zeiten einnisten sollte. Ein Spiel, wie man es nur alle paar Jahre entdecken würde. Die einzig wahre Bereicherung der eigenen Sammlung. Also eine ganz klare Sache.

Marrakesh - Brettspiel - Rezension - Beispiel03

Jetzt müssen nur noch die Stadttore zugelost werden, dann ist der Spielplan bereit

Die Enttäuschung mit Marrakesh

Ich konnte meine erste Partie also überhaupt nicht erwarten, habe das Spiel vorbereitet, wie immer nach Lektüre der Regeln kurz ein paar Probezüge gemacht, um meine Kenntnisse zu festigen. Dann kam die erste Partie und ich fragte mich nach dieser, ob das wirklich schon alles gewesen sein sollte? Ein paar mal Keshis in einen Turm werfen, nehmen und dann Aktionen auslösen, die zu einem eher bekömmlichen Punktesalat führten? Versteht mich jetzt nicht falsch. Obwohl dieser Abend noch etwas holprig lief, empfand ich Marrakesh als gutes Spiel, aber nicht als den Erlöser aus der Tristesse an mittelmäßiger Neuheiten.

Marrakesh - Brettspiel - Rezension - Beispiel18

Der Würfelturm ist ein schöner Hingucker.

Weitere Partien folgten und immer wieder wurde ich darin bestätigt. Ich hatte meinen Spaß mit Marrakesh, aber die große bedingungslose Liebe entfachte sich nie. Lag es also an mir? Hatte ich Scheuklappen, die mich die Genialität nicht erkennen ließen? Lag es an meinen überzogenen Erwartungen? War Marrakesh zuletzt dann doch einfach ein Spiel? Ich spielte und spielte. Probierte immer wieder neue Wege, siegte und scheiterte. Dabei wiederholte sich eine Beobachtung immer wieder.

Marrakesh - Brettspiel - Rezension - Beispiel32

Nicht alle Keshis fallen immer durch.

Das besondere an Marrakesh

Am Ende einer Partie Marrakesh hatten alle recht gute Laune. Denn das Spiel ist durchaus belohnend. Es fühlt sich gut an, dass sich das eigene Feld immer mehr mit Keshis füllt. Man spürt, wie die eigenen Aktionen immer mächtiger werden. Selbst wenn man eben nicht gewonnen hat, hat man am eigenen Spielfeld einen guten Blick darauf, dass man etwas geschafft hat. Das macht Marrakesh irgendwie zu einem Spiel, das man auf zwei Arten genießen kann. Als überdimensional überproduzierte Mathe-Aufgabe oder einfach als wunderschön anzusehendes gute Laune Spiel, bei dem es diverse offensichtliche Wege gibt, die man beschreiten kann und die alle ans Ziel führen. Das ist natürlich toll! Genauso, dass man seine Mitspielenden einschätzen und lesen sollte, um das richtige Timing mitzubringen.

Marrakesh - Brettspiel - Rezension - Beispiel10

Die Treppen bringen eine Vielzahl an Bonussen mit.

Witzigerweise ist Marrakesh aber gleichzeitig eines. Ein Buch mit sieben Siegeln. Was aber vorwiegend auf Neulinge zutrifft, denen man das Spiel erklären muss. Denn diese sehen einem jeweils mit demselben Blick an. Dieser Mischung aus purer Verwirrtheit und dem Gefühl, dass man ihnen gerade einen großen Streich spielt. Dabei ist der Ablauf selbst, wie auch die Verknüpfungen im Spiel recht einfach und kann am besten durch das Spiel erfahren werden. Selbst die größten Zweifler waren in kürzester Zeit im Spiel drin und konnten sich danach darüber freuen.

Marrakesh - Brettspiel - Rezension - Beispiel12

Auch die Spielhilfen lassen Marrakesh komplizierter wirken, als es ist.

Das stört mich an Marrakesh

Dennoch gibt es ein paar Punkte, die mir nicht allzu gut gefallen haben. Da wären die offensichtlichen. Die Tore der Standardausgabe sind eher seltsam. Klitzeklein, leicht zu übersehen – vor allem beim Aufräumen – und in der Handhabung eher suboptimal. Diese sind teilweise als ihrer selbst genauso wenig zu erkennen wie die auf den Oasen-Zielen angedruckten Tore. Vielleicht liegt es an meinen Augen, aber hier habe ich immer wieder Probleme. Wo wir schon bei Problemen sind, auch die Bildsprache ist nicht immer so eindeutig, wie sie sein möchte. So ertappe ich mich heute noch dabei, dass ich für bestimmte Gelehrten- und Oasenplättchen immer wieder die Erklärung zu Rate ziehen muss, weil die Bildsprache einfach nicht in meinen Schädel möchte.

Marrakesh - Brettspiel - Rezension - Beispiel11

Die kleinen Stadttore sind mitunter schon nervig.

Zuletzt wäre da noch die Farbwahl der Keshis. Diese hätte ruhig knalliger ausfallen dürfen. Denn ich kann nicht jede Farbe immer eindeutig auseinanderhalten. Natürlich ist es bei strahlendem Sonnenschein einfacher als bei einer abendlichen Beleuchtung durch die Deckenlampe. Hier sind sich die Keshis dann farblich teilweise zu ähnlich. Vor allem die Stadtwache- und Palast-Keshis (beige und weiß) oder die Waren- und Moschee-Keshis (lila und schwarz). Positiv anzumerken ist, dass die einzelnen Bereiche neben den Farben auch einzigartige Symbole aufweisen, mit denen man sie leichter zuordnen kann.

Marrakesh - Brettspiel - Rezension - Beispiel21

Nicht immer erkenne ich eindeutig, welche Farbe die Keshis nun haben.

Das neue Marrakesh

Solltet ihr Marrakesh noch nicht gespielt haben, dann gebt ihm eine Chance. Ihr bekommt ein gutes, rundes Spiel, das euch mit einer guten Laune entlässt. Schreckt ihr vor der Opulenz und auch dem dafür ausgerufenen Preis zurück, habe ich noch eine gute Nachricht für euch. Auf der Spielwarenmesse in Nürnberg wurde eine abgespeckte Version von Marrakesh angekündigt, die in eine normale Schachtel passen soll. Jedoch möchte ich euch noch einen kleinen Ratschlag mitgeben. Erwartet nicht allzu viel von Marrakesh, sondern lasst euch überraschen. Nicht dass ihr eure Enttäuschung über ein nur gutes Erlebnis auf das Spiel übertragt und es dadurch schlechter wirkt, als es tatsächlich ist.

Marrakesh - Brettspiel - Rezension - Beispiel21

Ein komplett gefüllter Bereich ist immer wieder toll. Nicht nur wegen den Siegpunkten.

Dir hat die Rezension gefallen? Du denkst wir liegen völlig daneben? Lass uns wissen was du denkst.

Marrakesh von Stefan Feld

Marrakesh - Brettspiel - Rezension - Feature Image

Auch wenn Marrakesh eher wie eine kleine seelenlose Ansammlung von Minispielen wirkt, dem ein Thema übergestülpt wurde, ist es ein wirklich gutes Spiel. Es bringt gerade genügend Tücken mit, um zu fordern, ohne zu nerven. Gleichzeitig entlässt es einen mit dem guten Gefühl, etwas geschafft zu haben.

Spielstil – Wertung

Christian:

8/10
Das gefiel uns
  • Ein Spiel, das gute Laune schafft.
  • Marrakesh birgt interessante Mikro-Entscheidungen.
  • Man spürt deutlich, wie die Aktionen immer besser werden.
  • Es gibt unterschiedliche Wege ans Ziel.
Das nicht so
  • Die Farbgebung der Keshis ist nicht optimal.
  • Für die Stadttore hätte es eine andere Lösung gebraucht.
  • Das Spiel braucht extrem viel Platz.
  • Im Kern doch ein eher seelenloses Euro.
Hier bekommt ihr „Marrakesh“

Amazon

Hinweis:
Wir haben das Rezensionsexemplar ohne Auflagen gratis vom Verlag bekommen.

Mehr Informationen zu Affiliate Links und Rezensionsexemplaren findet ihr in unserer Übersicht zur Transparenz und in den Bestimmungen zum Datenschutz.

Christian Renkel

Christian liebt Brett- und Videospiele mehr, als ausreichenden Schlaf. Dabei ist ihm am wichtigsten, dass er in der jeweiligen Welt versinken kann. Egal, ob es die geschickte Mechanik oder die überkochende Emotion ist.

So erreicht ihr Christian:

10 Comments
  1. Irgendwie wirkt mir da Spiel sehr abstrakt…da überrascht es mich, das man am Ende trotzdem Erfolge optisch am eigenen Tableau wahrnehmen kann.
    Aber Danke trotzdem für den Test…Ich glaube aber da passe ich, da gerade der Neg-Punkt „seelenloses Euro“ null Ansporn für mich ist.

    Aber vlt etwas offtopic ein Konter-Tip von mir 😀
    Mein Überraschungsspiel das nach deinem Test ggf in eine ähnliche Richtung schlägt ist Shogun No Katana.
    -Ebenfalls sehr belohnend, da Mitspieler nichts verlieren, sondern oft von einer Aktion eines Spielers Co-profitieren.
    -Man hat ein durchaus thematisch passendes Puzzle-Element der Schmiede mit dabei
    -Optisch schafft es das Spiel super produzierte und verbesserte Schwerter zu visualisieren.

    Reply
    • Portrait-Christian Renkel-quadratisch-2

      Dadurch, dass man überall Keshis einsetzt, ist schon ein gewisses Erfolgserlebnis da, wenn man sieht, was man alles füllen konnte.

      Och menno… gerade als ich Shogun No Katana wieder verdrängen konnte, fängst du damit an. Ich schau ja schon, wo ich es herbekomme. 🙂

      Reply
      • Ok, der Auffüll-Aspekt macht es etwas nachvollziehbarer für mich.
        Shogun No Katana ist eigentlich erschreckend leicht zu finden. Das scheint eher ein Geheimtipp zu sein

        Reply
        • Portrait-Christian Renkel-quadratisch-2

          Die Schwierigkeit ergibt sich daraus Argumente für meine Frau zu finden, warum ich noch ein Spiel kaufen muss… 😉

          Reply
          • Vlt etwas Unterstützung:
            Meine Frau mach das Spiel sehr viel Spaß und sie mag lange Workerplacement nicht unbedingt…
            Hat aber in diesem Falle das komplette Spiel begeistert mitgepuzzelt und Produktions-Strategien entwickelt. Und das sogae 2x hintereinander..normalerweise braucht sie nach einem größeren Spielebrocken immer ein paar Spiele Pause bis sie wieder einen großes Spiel zocken will

          • Portrait-Christian Renkel-quadratisch-2

            Ich werde dieses Spiele-Zeugnis weiterleiten. Drück mir die Daumen! Außerdem habe ich ja bald Geburtstag, vielleicht ist das ein weiteres Argument…

  2. https://youtu.be/RcVme3QG4pw
    Beide Spiele werden im Video vorgestellt. Ein Wink mit dem Zaunpfahl😁?

    Reply
  3. Im einzigen Probespiel war ich der letzte von vieren und hatte in der Investitionsphase den Nachteil, die wenigsten und schlechtesten Keshis nehmen zu müssen. Damit wirkte das Spiel auf mich unausgewogen.

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