SPIELSTIL Rezension

Khôra: Aufstieg eines Imperiums

Ein Spiel entwickelt von Head Quarter Simulation Game Club
erschienen bei Huch!, IELLO

Eines muss ich ja zugeben. Mein Wissen über griechische Geschichte beschränkt sich auf ein Halbwissen aus Gottheiten, die sich in mein Hirn eingebrannt haben. Und war früher noch viel mehr von den realen Mythen vorhanden, wurde dieses reine Wissen spätestens durch die God of War Spiele oder Percy Jackson verwässert. Aber ehrlicherweise muss ich auch etwas anderes zugeben. Das Fehlen des Wissens hat mich in meinem Leben so gut wie gar nicht beeinflusst.

Natürlich ist Allgemeinbildung wichtig und ich möchte nicht komplett geistig unbewaffnet dastehen, wenn es zu diesem Thema kommen sollte. Aber so richtig kam es einfach nie zur Sprache. Gut, dass das für Khôra auch nicht vonnöten ist. Denn auch ohne das Wissen, was denn nun eine Chora ist, schafft man es, das neue Expertenspiel von IELLO zu meistern. Zwar nicht auf den ersten Anlauf, aber das ist doch eher eine Herausforderung für uns.

Die Antike ist die Aristokratie der Geschichte.

(Alexandre Dumas der Ältere)

Gehen wir vom reinen Regelkonstrukt aus, ist Khôra keine allzu schwere Angelegenheit. Wir spielen über 8 Runden, in denen jeweils ein eigenes Ereignis seine Schatten vorauswirft. Da dieses jedoch erst später eintritt, haben wir noch Möglichkeiten, darauf zu reagieren. Ansonsten erhalten wir Steuergelder, werfen unsere Würfel und ordnen diesen Aktionen zu.

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Mit zwei gewürfelten 6en muss man sich keine Gedanken machen.

Den Aktionen sind Zahlen von 0 – 6 zugeordnet. Ist unser zugehöriger Würfel niedriger als die Zahl, verlieren wir Bürger. Danach werden die Aktionen in der Zahlenreihenfolge durchgeführt. Dadurch können wir dann eben Geld einnehmen, unsere Bürger steigern, Politikkarten spielen, unser Militär aktivieren oder unsere Hauptstadt verbessern. Dabei ist eines wichtig. Alle Aktionen sind eher kleinere Stellschrauben, die in ihrer Kombination jedoch immense Auswirkungen haben können.

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Vielfältige Leisten. Und da sind noch nicht mal die vom persönlichen Tableau dabei.

Zentrales Element von Khôra sind diverse Leisten, die wir voranschreiten können. Diese gibt es eben für Bürger und Truppen genauso wie für Steuer, Ruhm, Wirtschaft, Kultur und Militär. Dabei haben alle ihre eigenen Schwerpunkte. Bürger und Truppen sind eine Art Währung. Steuern sind für die Einnahmen von Drachmen vonnöten. Ruhm bringt Siegpunkte. Wirtschaft, Kultur und Militär bieten einzelne Boni und beeinflussen dann wieder Geld, Siegpunkte und Truppen. Das klingt komplizierter, als es ist.

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Mit der Zeit sammelt sich ganz schön was an.

Einen Punkt möchte ich noch erwähnen. Wissensmarker. Diese zu besitzen dient als Voraussetzung dafür, stärkere Politikkarten zu spielen oder unsere Hauptstadt aufzuwerten. Dabei gibt es zwei verschiedene. Die Kleinen, die erobert und gekauft und die Großen, die nur erobert werden können. Und im Endeffekt sind alle gleich zu verwenden, mit der Ausnahme, dass die großen noch Siegpunkte am Spielende einbringen.

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Ganz wichtig, den dritten Würfel freischalten.

Sind die 9 Runden vorbei, kommt es noch zur Endabrechnung. Wer dann die meisten Punkte hat, gewinnt.

Was in der Antike das Schicksal bewirkte, leistet heute die Statistik: Sie vernichtet Helden und Schurken.

(RainerKohlmayer)

Christian meint:

Habt ihr schon einmal versehentlich auf ein Stück Alufolie gebissen? Oder vielleicht den Sand aus Feldsalat nicht richtig herausgewaschen, sodass euch beim Essen das Knirschen durch Mark und Bein ging? Ein ähnliches Gefühl hatte ich bei meiner ersten Partie Khôra. Mein Gott war das ein zäher Akt. Nichts wollte klappen. Das Spiel trat mich mit Füßen und ich kam überhaupt nicht vorwärts. Viel schlimmer, ich hatte mir nach Lektüre der Regeln eingeredet, dass es ja gar nicht so schwer sein kann. Doch dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich habe erkannt, was ich falsch gemacht und diese erste Partie damit für mich zerstört habe.

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Sparta profitiert am meisten von Militäraktionen.Das zu ignorieren kann man machen, ist jedoch kontraproduktiv.

Denn in Khôra ist es wichtig, das zufällig gezogene Volk zu lesen und mit diesem zu schwimmen. Was sich jetzt recht komplex anhört, ist eigentlich jeweils ein offenes Geheimnis. Denn die Belohnungen in den Aufwertungen geben bekannt, in welche Richtung wir gehen müssen. Ob wir uns eben mehr auf Kultur, Eroberung oder Politik konzentrieren sollten. Stellen wir uns dagegen, wird die Maschinerie nie so richtig ans Laufen kommen.

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Immer das erste Ereignis.

Und dennoch ist es selbst dann nicht allzu einfach. Schließlich gibt es viel zu wenige Aktionen und immer zu viel zu tun. Ein Dilemma, das immer wieder motivierend ist. Dem entgegen steht jedoch ein ungutes Gefühl. Das Gefühl, dass nicht alle Völker ausbalanciert sind. Wobei das bisher ein Bauchgefühl ist, das ich noch nicht so richtig bestätigen kann. Zuerst einmal gibt es natürlich Völker, die um längen einfacher zu spielen sind als andere. So sind Sparta und Aggros recht geradlinig spielbar (mit den immer wiederkehrenden Militär-Aktionen) und befeuern sich dadurch fast von alleine. Und dem entgegen steht dann Athen, das von Politikkarten lebt, was mitunter recht holprig sein kann, weil das Glück dann hier eben eine übergeordnete Rolle zu spielen scheint. Leider ist es mir noch nicht gelungen, mit Athen siegreich hervorzugehen, aber ich möchte es dennoch beweisen. Vielleicht schaffe ich es ja noch (für Tipps wäre ich sehr dankbar!).

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Das Spiel selbst ist bis auf wenige Stellen äußerst solitär. Die wenigen Berührungspunkte sind eben Mehrheiten in Truppen für die Ereigniskarten, die zu erreichenden Meilensteine und die Wissensmarker, die über Militäraktionen erreicht werden können. Aber ganz ehrlich. Das genügt auch schon. Mir raucht in Khôra teilweise so schon der Schädel, da muss ich nicht auch noch überdenken, was meine Mitspielenden nun noch mit mir anstellen könnten.

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Die fünf Meilensteine im Überblick.

Ich hätte nie gedacht, dass ein recht abstraktes Leistenschieben mir derart Spaß machen könnte. Im Gegenteil, ich kenne viele Vertreter, die mich damit eher gelangweilt haben. Aber in Khôra ist das ganze so gut verzahnt, dass ich mich immer wieder gerne ins antike Griechenland begebe, um mein Volk zum Erfolg zu führen. Es bietet mir genügend zu entdecken, um mich auch nach den intensiven Testrunden immer noch an den Tisch zu locken. Ein Spiel, das wie für mich geschaffen scheint. Lasst euch also nicht abschrecken, wenn es zuerst nicht so klappt. Der Zauber wird euch hoffentlich, wie mich auch, erreichen und in seinen Bann ziehen.

Khôra: Aufstieg eines Imperiums von Head Quarter Simulation Game Club

Khora - Aufstieg eines Imperiums - Cover

Khôra gehört zu meinen bisherigen Spiele-Highlights 2022. So schön war es noch nie Leisten zu schieben. Ein intensives Spiel, das am Anfang etwas holprig daherkommen kann, sich dann aber zu einer Expertenblüte entfaltet.

  • Erscheint bei Huch!, IELLO
  • Für 2 – 4 Spielende und dauert 75 Minuten.
  • Am besten geeignet für Experten

Spielstil – Wertung

10/10
Das gefiel uns
  • Unterschiedliche Völker mit unterschiedlichen Strategien.
  • Im Kern ein einfaches Regelwerk.
  • Der Fortschritt ist klar spürbar.
Das nicht so
  • Noch unklar, ob die Völker tatsächlich ausbalanciert sind.
  • Die Leisten Steuern/Wirtschaft und Truppen/Militär laden in der Bedeutung zum Stolpern ein.
Hier bekommt ihr „Khôra: Aufstieg eines Imperiums“

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Hinweis:
Wir haben das Rezensionsexemplar ohne Auflagen gratis vom Verlag bekommen.

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Christian Renkel

Christian liebt Brett- und Videospiele mehr, als ausreichenden Schlaf. Dabei ist ihm am wichtigsten, dass er in der jeweiligen Welt versinken kann. Egal, ob es die geschickte Mechanik oder die überkochende Emotion ist.

So erreicht ihr ihn:

3 Comments
  1. Sehr schöne Rezi, etwas euphorisch aber da ist ja jeder frei und es freut mich für Dich.

    Kleine Korrektur. Wir haben immer 9 Runden gespielt und keine 8. 😉

    Was finde ich gut:
    Insgesamt gefällt mir Khora auch sehr gut (8/10), denn die Kombinationen aus Aktionen mit den Politikarten sowie der Stadtentwicklungen und das Wettrennen um die Errungenschaftsplättchen gestaltet sich interessant und macht mir einfach Spaß, obwohl es am Ende abstrakt bleibt, aber ich persönlich finde es noch thematisch befriedigend.

    Was könnte man kritisieren:
    Die Frage der Langlebigkeit ist für mich nicht klar. Das Spiel bietet eine hohe Varianz aufgrund der Städte und Politikarten als auch der Spielweise der Mitspieler. Aber es könnte sein, dass der Reiz über die Zeit abnehmen kann.
    Das Balancing wird auch immer wieder kritisiert, dass Sparta mit seiner Militärfokus bzw. -Stadtentwicklungen zu mächtig sei. Aber hierzu habe ich noch keine abschließende Meinung.

    Was mir in Deiner Rezi noch etwas fehlt ist die Beurteilung der Würfelphase. Diese ist schon eine sehr kontroverse Designentscheidung. Diese ist sehr „swingy“ oder glücksabhängig. Wer höher würfelt muss weniger Bürger nutzen und muss hier nicht gegensteuern, im schlimmstenfalls werde ich in meiner Entscheidung willkürlich beschränkt und meine Mitspieler können aus dem vollem Schöpfen. Dies kann zu Frustration führen, insbesondere zu Beginn des Spiels, da man nur mit 3 Bürgern startet. In meinen wenigen Partien war es nicht störend, da sich die Würfe ausgeglichenen haben und es mit den Philosophie-Plättchen Auswege gibt und man sich mit ausreichend Bürgern gegen Unglück wappnen kann. Der Ausgleich für einer niedrige Würfelzahl in der Militäraktion zuerst zu agieren ist jedoch keine „würdige“ Kompensation. Insbesondere sinnfrei, wenn man die Militäraktion nicht auswählen konnte und benötigt. Hier hätte ich mir etwas anderes gewünscht.

    Ich gebe Dir Recht, dass man dem Spiel auf jeden Falle eine 2. Chance geben sollte, wenn die 1. Partie einen überfordert oder unglücklich verläuft. Denn das Spielgefühl ist zu Beginn sehr „beengend“, da man mit wenig Geld und keinen Wissensmarker beginnt. Auch sind die Vielzahl der Icons verwirrend bzw. unübersichtlich und die Interaktionen der 3 Leisten muss erst entdeckt werden. Aber es lohnt sich hier nicht vom Speil einschüchtern zu lassen.

    Reply
    • Portrait-Christian Renkel-quadratisch-2

      Oh weh, oh weh… Wer rechnen kann ist klar im Vorteil. 🙂
      7 zufällige Ereignisse + 2 Standardereignisse sind natürlich 9. Da hast du vollkommen Recht.

      Vielen Dank für deine Einschätzungen. Und ja, ich bin etwas euphorisch, aber aktuell vergeht bei uns kaum ein Tag, an dem Khôra nicht auf dem Tisch landet. 🙂

      Die Würfel hätte ich natürlich etwas näher in den Fokus nehmen sollen. Das stimmt. Aber mich hatte das nie so richtig gestört, da man eben mit Bürgern ausgleichen kann und die Würfel jedem irgendwie im Weg stehen. Ohne die hätte mir auch eine Hürde gefehlt.

      Reply

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