BG2GETHER - Christian in Schwarz weiß

SPIELSTIL Artikel

Der Moment, in dem etwas in mir zerbrach.

Mit #BG2GETHER wollen wir uns, genau wie jeden anderen Monat, gemeinsam mit Kolleg*innen einer weiteren Frage stellen. Diesmal werden wir wieder einmal zurückblicken. Uns selbst analysieren und auch das eine oder andere Geständnis abliefern. Denn wir fragen uns:

Frage des Monats Dezember 2022

Welche Spiele konnten euch emotional so richtig berühren? 

An Weihnachten und dem Jahresende im Allgemeinen werden wir gerne rührselig. Wir betrachten verklärt die Vergangenheit und machen uns dabei auch gerne den einen oder andern Vorwurf. Was hätten wir alles anders machen können, wem hätten wir ein besserer Partner oder Elternteil sein dürfen. Während sich manche zurecht Vorwürfe machen, gibt es wieder diejenigen, die bei diesem Thema zu sensibel sind und dabei zu hart mit sich selbst ins Gericht gehen. Zu welcher Kategorie ich selbst gehöre, darüber möchte ich mir aktuell kein Urteil erlauben. Aber gleichfalls möchte ich bekräftigen, dass diese Worte mehr als nur eine allgemeine Einleitung sind. Denn obwohl es so manch lesende Person noch nicht erkennen mag, führt uns gerade dieser Gedankengang zu meinem persönlichen emotionalsten Spielerlebnis.

Vergangenes sollte man eigentlich ruhen lassen, doch zu einem bestimmten Punkt muss ich zurückreisen, damit ihr vielleicht versteht, warum gerade dieser Moment mich derart zerstört hat. Wobei zerstört ein viel zu hartes Wort ist, denn ich befand mich zu der Zeit schon am Tiefpunkt meines Lebens. Ohne zu viel zu verraten, führte uns jemand Bösartiges dazu, dass ich mit meiner Familie durch eine sehr schwere Zeit musste. Wie gesagt, ich reite nun nicht darauf herum. Nur ein Detail gibt es noch. Ich hatte eine schwere Depression. Ich saß in einem tiefen Loch und musste versuchen, mich wieder daraus zu befreien. Durch Hilfe meiner Liebsten und der Gründung von Spielstil hatte ich erste Lichtblicke. Ja, das klingt nun etwas kitschig, aber genau das war es. Eine harte Zeit, in der ich dann irgendwann auch auf ein Spiel namens Dream Catchers stieß.

Dream Catchers Cover

Was muss man zu Dream Catchers wissen? Es ist ein kooperativer Titel, in dem wir Kinder vor bösen Träumen bewahren müssen. Solltet ihr es noch nicht gespielt haben, solltet ihr das unbedingt nachholen, denn der Titel ist nicht nur wunderschön, sondern auch noch gut zu spielen. Also, falls ihr noch drankommen solltet, versucht es ruhig einmal.

Eine Besonderheit des Spiels war, dass man, wenn man eine Partie verloren hatte, das aktuelle Tableau mit dem schlafenden Kind umdrehte. Das offenbarte eine neue Grafik, in der das zu beschützende Kind aufgewacht war, weinte, sich versteckte oder ähnlich reagierte. Während die meisten Kinder richtig schöne Zimmer und Betten hatten, war da noch dieser eine kleine Junge. Dieser hatte kahle Wände und nur eine alte Matratze am Boden. Kein Kissen, keine Decke. Konnte man ihn nicht beschützen, wachte er in dieser kahlen, kalten Welt auf und sah herzzerreißend aus dem Bild. Das war der Moment, in dem ich spürte, wie etwas in mir zerbrach. Die ganze Wucht meiner Probleme stürzte auf mich herein, während ich auf das Bild starrte. Ich konnte das Kind nicht beschützen, konnte ihm nicht helfen. Ich war nicht einmal fähig, ihm einen schönen Traum zu bescheren.

bg2gether - Dream Catchers

Ich weiß, viele von euch werden das nicht nachvollziehen können. Aber das Bild in Kombination mit meiner Situation waren, was hier getroffen hatten. Ja, ich bin mir auch bewusst, dass es Menschen gibt, denen es weit schlechter geht als uns damals. Die noch weiter in den Abgrund gedrückt werden. Doch meine Gedanken um unsere Situation waren schwer genug und meine Selbstvorwürfe gigantisch. War ich ein guter Vater? Wie konnte ich zulassen, dass jemand Fremdes meiner Familie derart schadet? Warum habe ich nur so versagt? Alles Gedanken, die in dieser einen Karte in Dream Catchers zusammengefasst schienen. Rückblickend ist anzumerken, dass ich garantiert nicht perfekt war, aber immer mein Bestes gab. So gut es eben ging. Ich habe also nicht versagt oder war ein schlechter Vater. Aber das konnte ich damals nicht ehrlich zugeben. Nicht mit einer Depression.

Solltet ihr in dieser Situation sein, dann scheut euch nicht davor, Hilfe anzunehmen. Ich weiß, das ist jetzt leicht gesagt und dieser Schritt ein riesengroßer. Aber ohne Hilfe hätte ich es niemals geschafft. Allen, denen es gut geht, achtet auf eure Mitmenschen und helft, wenn ihr gebraucht werdet. Nicht mit guten Ratschlägen, sondern indem ihr einfach da seid. Nutzt Hilfsprogramme oder die Unterstützung von Fachpersonal. Ihr seid es garantiert wert, auch wenn es euch eine dunkle Stimme in euch selbst immer wieder ausreden möchte. Eine Übersicht für Hilfsangebote hat der NDR zusammengestellt.

Die weiteren Teilnehmer:

Ihr seid Content Creator im Brettspielbereich und möchtet an der #BG2GETHER Aktion mitmachen? Schickt uns einfach eine kurze Mail an Christian@Spielstil.net.

Portrait-Christian Renkel-quadratisch-2
Written by Christian Renkel
Christian liebt Brett- und Videospiele mehr, als ausreichenden Schlaf. Dabei ist ihm am wichtigsten, dass er in der jeweiligen Welt versinken kann. Egal, ob es die geschickte Mechanik oder die überkochende Emotion ist.
8 Comments
  1. Wow. Das ist jetzt einmal eine Hausnummer. Respekt dafür. Und ich kann deinen einen Satz gar nicht fett genug unterstreichen.

    „Nicht mit guten Ratschlägen, sondern indem ihr einfach da seid.“ Das ist die Quintessenz. Ratschläge sind meist einfach nur der dümmste Horror.

    Was ich witzig finde, gerade im Zusammenhang mit „meinem“ Markus oder der Vermutung von fjelfras.de, dass irgendwie Emotion mit Trauer und Deepen Erlebnissen assoziiert wird. Dabei gibt es so viele verschiedene und andere Arten.

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    • Portrait-Christian Renkel-quadratisch-2

      Ja, ich hatte auch lange überlegt, ob ich das wirklich so preisgeben möchte. Sollte ich aber jemandem damit helfen können, habe ich das gern gemacht.
      Es war mir auf jeden Fall wichtig diesen Ratschlag zu verbreiten. Mein damaliger bester Freund hat meine Situation als vollkommenes Desinteresse ihm gegenüber interpretiert. Mich hat das unter Druck gesetzt, weswegen ich mich immer mehr verstellte, um ihm zu gefallen, was halt nur minder geklappt hat (um es mal kurz zusammenzufassen). Uns hat das auseinandergebracht. Aber ich mache ihm keinen Vorwurf. Er war bestimmt auch überfordert und von mir gekränkt, was ich verstehen kann.

      Bisher habe ich noch nicht alle Beiträge durch, aber die Jungs von der Brettspielgalaxie haben wahrscheinlich die breiteste Aufstellung, was Emotionen im Spiel angeht. 🙂

      Reply
  2. Auch ich sage hier nur „wow“. Eine schöne emotional geladene Geschichte aus deinem Leben. Auch dein Rat ist sehr gut: Hilfe einfach mal annehmen und zu lassen. Klingt einfach, ist aber schwerer als man denkt. Mit diesen schweren Gedanken allen eine schöne Vor-Weihnachtszeit.

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    • Portrait-Christian Renkel-quadratisch-2

      Vielen Dank. Ich konnte deinen Beitrag inzwischen auch lesen und er gefällt mir auch sehr gut. Schön, dass du dabei bist!

      Wobei ich sagen muss, dass wir kein allzu elitärer Kreis sind. Im Gegenteil, wir sind sehr offen und wer sich einbringen möchte, ist auch herzlich willkommen. 🙂

      Reply
  3. Ich habe lange überlegt, ob und was ich dazu schreibe, da meine Erfahrung um einiges harmloser waren, aber trotzdem dazu geführt hat, das ein Spiel meiner Spielegruppe mal ordentlich einen Spiegel vorgehalten hat.
    Eigentlich keine dramatische Sache, aber wir haben Paleo gespielt und eine Entscheidung, die wir ganz leidenschaftslos gemeinsam entschieden haben, führte dazu, das wir alle einen Augenblick innehielten und wir gemeinsam einsahen, das wir diese Bestrafung verdient hatten(Spoilerstichwort am Ende des Kommentars).
    Wie gesagt, nix dramatisches, aber mir ist seitdem aufgefallen, wie schnell man sich bei Spielen auf die nüchterne Symbole/Piktogramme/Zahlen fokussiert und viel zu selten bedenken, was diese Symbole bedeuten sollen.
    Und wenn man sieht, wie dieses Wahrnehmen eines Spieles die Spieler abstumpfen läßt, sollte man sich schon fragen, ob dann bestimmte Arten von Spielen gerade so passend sind. Mehr bewußter den Hintergrund eines Spieles bedenken kann zu einem intensiveren Erlebnis führen. Das ist sicherlich auch risikobehafteter wie bei deinem Beispiel, aber kann auch manchmal fast befreiend/therapeutisch sein. Vorrausgesetzt man hat die richtige Gruppe bzw Spielpartner wo man auch die Zeit und das Vertrauen hat danach über das Erlebte zu reden.
    Ein War of Mine zb ist auch so ein Spiel, was eigentlich eine richtige Nachbesprechung vorrausetzt, da sonst sehr schnell auch mal Mitspieler mit einem negativen Gefühl nach Hause gehen. So ein Spiel darf man eigentlich nicht runterspielen und dann einfach wegpacken.

    Ein positiver Nebeneffekt bemerkte ich dann bei meiner Frau aber zB bei 7Wonders Duell. Das Spiel kauft ich ungefähr zum Zeitpunkt des russischen Angriffkrieges. Und ohne das wir vorher das besprochen haben, hat ganz bewußt keiner die roten Karten gesammelt, sondern diese bevorzugt verkauft bzw für Weltwunder zweckentfremdet wurden. Diese kleinen roten Karten fanden wir einfach unpassend in dem Zeitraum. Daran hat sich auch nichts mehr geändert

    Ich hoffe das es ok ist, wenn ich so zu so einem schwierigen Thema nur so eine kleine Sache erzählt habe.

    Spoiler:

    Mammut-Kleintier

    Reply
    • Portrait-Christian Renkel-quadratisch-2

      Danke für deine zwei Geschichten (wobei ich die zweite natürlich etwas schöner fand).

      Natürlich darfst du jederzeit weitere Mosaiksteine in das Gesamtbild einfügen. Ich mag die Vielfältigkeit, die sich dadurch entwickelt.

      Reply

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