Viticulture Essential Edition – Feuerland Spiele – 2015

 

Kennt eigentlich noch irgendwer das alte PC Spiel „Der Winzer“? Ich konnte mich bis vor kurzem auch nicht mehr daran erinnern. Bis ich im App-Store auf meiner Suche nach Retro Spielen darüber gestolpert bin. Dann habe ich mich erinnert. Gut, ich muss zugeben, dass meine Erfahrungen mit dem Spiel nicht allzu berauschend waren. Unbedarft und ohne das Regelwerk zu lesen hatte ich es gestartet und natürlich gnadenlos versagt. Was sollte man denn auch genau im Spiel machen. Viele Optionen, die einem nichts sagten. Entscheidungen, die man ohne Kenntnis eigentlich nicht fällen konnte. Aber dennoch musste ich in diesem Moment, als ich mit dem Spielbericht zu Viticulture begonnen habe, an das alte Winzer denken müssen. Nicht nur, wegen der Thematik. Aber ich möchte nicht vorgreifen. Ihr lest dazu im Fazit mehr, zuerst ein paar Beispielzüge.

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Der Aufbau: Wir verwenden ein Spiel zu zweit (Gelb und Blau) als Grundlage für unsere Beispiele.

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Um die Startauslage eines Spielers zu bestimmen erhält jeder eine Mama- und eine Papa-Karte. Gelbs Mama Deann bringt ihm 2 kleine Arbeiter und jeweils eine Reben, Bestellung und Winterbesucher. Sein Papa Rafael bringt ihm 2 Lira, den großen Arbeiter und wahlweise einen weiteren kleinen Arbeiter oder 4 Lira. Gelb entscheidet sich für den Arbeiter.

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Blaus Mama Danyel beschert ihm die zwei kleinen Arbeiter, 2 Sommer- und 1 Wintergast. Sein Papa Matthew 1 Lira, den großen Arbeiter und wahlweise die Windmühle oder 5 Lira. Blau entscheidet sich für die Windmühle.

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Gelb ist Startspieler und darf deswegen zuerst bestimmen, wann er aufstehen wird. Blau folgt ihm. Jeder erhält den Bonus, der neben seiner Aufstehzeit angegeben ist. Gelb zieht deswegen eine Rebe, blau einen Sommerbesucher.

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Gelb ist früher aufgestanden und beginnt. Da er nur Reben auf der Hand hat, für die er zuerst ein Spalier bauen müsste, muss er sich etwas einfallen lassen..

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Also setzt gelb einen Arbeiter auf „Rebenkarten ziehen“ und zieht eine Rebenkarte. Wichtig! Im Spiel zu zweitwird nur das erste Einsetzfeld verwendet, die restlichen sind für Runden mit mehr Spielern vorbehalten.

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Unglücklicherweise zieht er einen weiteren Pinot. Er braucht also immer noch ein Spalier, bevor er anpflanzen kann.

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Blau beginnt damit seinen Arbeiter ins „Besucherkarte spielen“ zu setzen. Das erlaubt ihm einen Sommergast zu spielen.

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Er spielt den Verwalter. Was gelb zu der Entscheidung zwingt sein komplettes Startkapital (2 Lira) an blau zu schenken oder ihm einen Siegpunkt zu lassen.

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Die Wahl fällt nicht schwer….

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Gelb bleibt keine andere Wahl, als seinen Arbeiter auf „Gebäude errichten“ zu setzen.

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Die zwei geretteten Lira gibt er nun aus um ein Spalier zu bauen.

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Da blau noch überhaupt keine Reben hat setzt er seinen großen Arbeiter auf den „Rebenkarte ziehen“. Das erlaubt ihm die Aktion auch auszuführen, obwohl gelb das Feld bereits besetzt.

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Gelb setzt sich auf den „Reben pflanzen“.

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Seine neue Freiheit, die er durch das gebaute Spalier hat, nutzt er um eine Rebe Syrah anzupflanzen.

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Blau passt und setzt seinen Hahn nach rechts um dies anzuzeigen.

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Auch gelb hat im Sommer nichts mehr zu tun und passt deswegen auch.

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Im Herbst darf jeder Spieler entweder eine Sommer- oder eine Winterbesuchskarte ziehen. Beide Spieler entscheiden sich für eine Winterbesuchskarte.

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Im Winter beginnt gelb erneut und setzt seinen Arbeiter auf „Gebiet ernten“.

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Er erntet das Gebiet mit der soeben angebauten Rebe. Alle Weinpunkte werden zusammengezählt.

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Und in der Weinpresse markiert.

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Blau setzt sich auf „Besucherkarte spielen“. Und spielt eine Winterbesucherkarte.

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Er verwendet die Keltermeisterin um 3 Lira zu sammeln und einen Auftrag zu ziehen.

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Kein Spieler hat mehr Aktionen übrig, weswegen beide passen und den Jahreswechsel auslösen. Nach dem ersten Jahr sieht unser Spielplan wie folgt aus.

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Alle Arbeiter kommen zurück zu den Spielern. Und fertiger Wein, wie auch die Trauben altern. Hierzu wird der Marker um eins weiter geschoben.

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Ein neues Jahr beginnt und blau ist neuer Startspieler. Beide setzen wieder ihre Hähne auf die Aufweckleiste. Blau erhält als Bonus eine Rebe, Gelb den Wanderarbeiter, den er dieses Jahr zusätzlich zu seinen eigenen Arbeitern einsetzen kann.

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Blau setzt seinen ersten Arbeiter auf „Besucherkarte spielen“.

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Er spielt die Karte Pflanzerin. Erhält 1 Lira und...

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Pflanzt seine ersten zwei Weine.

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Und, da er bereits die Windmühle hat erhält er 1 Siegpunkt für das anbauen von Reben.

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Gelb setzt seinen Arbeiter auf „Reben pflanzen“.

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Ein Pinot landet auf dem ersten Feld. Damit werden insgesamt 4 (3 Punkte rot, 1 Punkt weiß) der 5 möglichen Punkte des Gebiets genutzt.

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Blau zieht sicherheitshalber noch eine Rebe für die Zukunft.

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In der zweiten Jahreshälfte beginnt blau damit seinen Arbeiter auf „Gebiet ernten“ zu setzen.

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Er hat auf dem gewählten Gebiet 2 weiße Traubenpunkte angebaut.

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Er setzt also seinen Marker auf das Feld 2 in der Weinpresse.

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Gelb setzt sich auf „Weinbestellung ziehen“.

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Und zieht dafür eine neue Bestellung.

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Blaut hat bereits alle Arbeiter verbraucht, wodurch nur noch gelb an der Reihe ist. Er setzt seinen großen Arbeiter auf „Gebiet ernten“.

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Und erntet dafür sein bebautes Gebiet.

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Dadurch erhält er Trauben im Wert von 3 (Rot) und 1 (Weiß). Da das 3er Feld in Rot bereits belegt ist wird der Marker auf das nächstniedrigere Feld gelegt (2).

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Der Wanderarbeiter von gelb wird zuletzt noch auf das Feld „Wein keltern“ gesetzt.

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Dadurch erhält er zwei Weine. Dafür schiebt gelb seine Marker von der Weinpresse auf denselben Wert im Keller.

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Gelb kann in diesem Jahr Wein und Trauben altern lassen. Aber ein Problem hat er. Der rote Wein kann nicht altern, da der mittlere Keller noch nicht gebaut wurde. Somit verbleibt dieser auf der 3.

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Blau kann seine einzelne Traube aufwerten.

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In der letzten Runde werde ich nicht mehr auf alle Aktionen eingehen. Ihr dürftet ja bereits mitbekommen haben, wie die einzelnen Züge funktionieren. Ich werde nur noch ein paar, interessante Züge kommentieren.

Gelb setzt seinen großen Arbeiter auf „Gebäude errichten“.

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Und baut den noch fehlenden mittleren Keller. Dadurch kann der Wein nun weiter reifen und es ist möglich Rosé herzustellen.

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Später plant gelb eine gezogene Bestellung zu erfüllen. Hierzu könnte er seinen Arbeiter auf den „Weinbestellung erfüllen“ stellen.

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Aber er setzt seinen Arbeiter lieber auf „Besucherkarte spielen“.

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Er spielt den Händler als Winterbesucher.

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Dieser hilft dem Spieler, indem man eine Bestellung erfüllen darf. Gefordert sind mindestens ein 3er Rot- und ein 1er Weißwein. Beides kann gelb liefern, den Weißwein mit einem 2er Marker sogar übererfüllen (was leider keine Auswirkungen hat).

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Durch den Weinhändler erhält gelb einen Siegpunkt extra, also 3.

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Außerdem darf er seine Weinflasche um ein Feld auf dem Rondell verbessern.

Spiel vs. Thematik

Normalerweise würde an dieser Stelle das Fazit folgen (keine Angst, das kommt schon noch), aber einen Punkt muss ich einfach separat ansprechen. Denn immer wieder hört man von einer Seite der Spieler wie schön thematisch Viticulture doch ist. Dann melden sich die Spieler des anderen Lagers mit einem großen ABER!

Was haben sie denn zu bemängeln?

  1. Geerntete Weintrauben altern nicht, sie schimmeln. Ja, ich weiß. Trauben, die in Bottichen liegen und Jahrelang dort verbleiben werden einfach schlecht. Aber würde das Spaß machen?
  2. Wer bitteschön schüttet Weiß- und Rotwein zusammen und nennt das Ergebnis Rosé? Ich habe gegoogelt, weil ich selbst nicht wusste, wie Rosé hergestellt wird. Also hier das kurz gesammelte Wissen. Es werden rote oder blaue Trauben verwendet. Diese dürfen nur kurz auf der Maische liegen, damit sie nicht so stark einfärben. Aber spieltechnisch ist die Lösung einfacher, Rosé bringt mehr Siegpunkte, also mischen wir ihn. Gleiches gilt natürlich für den Sekt.

Fazit

Ich bin ja weiter oben bereits darauf eingegangen, was manche Spieler an Viticulture bemängeln. Mich persönlich stört das überhaupt nicht. Man muss einfach manchmal etwas abstrakt werden, um ein gutes Spiel zu gestalten. Oder hat sich schon jemand beschwert, dass ein Breitschwert in einem Dungeoncrawler nun einen Punkt mehr Schaden macht, als ein Langschwert, obwohl die Figur damit ja eigentlich gar nicht umgehen kann? Eben.

Für mich persönlich ist Viticulture weiterhin ein schönes Spiel, das vielleicht eine Prise zu viel Blockade bekommen hat. Aber wie gesagt, wir sprechen hier von einer Prise. Denn es gibt eigentlich immer etwas sinnvolles zu tun. Und so steht man ständig vor Entscheidungen. Was mach ich jetzt als erstes? Welche Aktion ist mir die wichtigste, welche sollte ich blockieren? Wann steh ich auf? Ist mir der Bonus wichtiger oder wann ich dran komme? Also interessant genug, um nicht zu langweilen. Und ärgerlich genug, um kurz zu kochen, wenn einem der Mitspieler die benötigte Aktion vor der Nase wegschnappt. Zum Glück gibt es den großen Arbeiter, mit dem man dies zumindest einmal im Jahr auffangen kann.

Einen Makel hat Viticulture jedoch. Es ist zu schnell vorbei. Gerade dann, wenn es so richtig los zu geht ist es bereits wieder vorbei. Das hätte ruhig etwas länger gehen können. Aber macht nichts, schließlich sind wir mündige Bürger und können zur Not die benötigten Siegpunkte zum Einläuten des Spielendes nach oben setzen.

Was übrig bleibt ist schönes Material mit einem schönen Spiel, das nicht immer so läuft, wie man es sich wünscht, aber dennoch gut unterhält. Und wer es noch weiß, ich hatte zu Beginn „Winzer“ angesprochen. Wo ist denn neben der Thematik der zweite Berührungspunkt? Der liegt in meiner ersten Partie Viticulture. In dieser habe ich auch vollkommen versagt. Also ich habe nicht nur verloren, sondern mich richtig abgeschlagen unter 10 Punkten befunden. Woran das lag? Es wollte einfach nicht laufen. Aber vielleicht war das auch nur die erste Partie, bei der man Lehrgeld zahlen muss, um später umso mehr Spaß mit Viticulture zu haben.

Und den Nörglern da draußen sei noch gesagt: „Ich habe mich damit abgefunden, dass Arwen eine derart große Rolle in den Herr der Ringen Filmen spielt, also hört auf zu mosern und spielt lieber eine Runde. Da haben alle mehr davon.“ ?

 

Viticulture Essential Edition

Feuerland 2016


Autor: Jamey Stegmaier, Alan Stone
Dauer: 45 – 90 Minuten
Spieler: 1-6
Schwierigkeit: Mittel

Anmerkungen