Vinhos Deluxe Edition

Vinhos Deluxe Edition

Autor: Vital Lacerda
Verlag: Eagle-Gryphon Games

Spieler: 1 - 4
Dauer:
60 - 135 Minuten
Zielgruppe: Experten

 Expertenspiel - Zu zweit spielbar

Christian Renkel - 21.Apr.2020

Bevor wir mit der Besprechung der Vinhos Deluxe Edition loslegen, muss ich erst einmal ein kleines Geständnis ablegen. Ich konnte das Spiel nicht in dem Ausmaß testen, wie ich es normalerweise mache. Vor allem komplexere Titel verlangen etwas mehr Aufmerksamkeit. Hier muss man eben Zeit investieren, um bis in die Tiefen vorzudringen und herauszufinden, ob wir einfach nur kurzzeitig geblendet wurden oder sich auch unter der glänzenden Oberfläche ein Juwel befindet.

Doch warum hat das mit der Vinhos Deluxe Edition nicht geklappt. Die Antwort liegt auf der Hand. Corona hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht. Und statt der normalerweise 2-stelligen Anzahl an Partien komme ich hier auf "läppische" 4. Eine davon im Tabletop-Simulator.

Da es auf absehbare Zeit nicht mehr werden und ich meine Gedanken niederschreiben möchte, bevor sie verschwinden, erstelle ich dennoch die Rezension, bitte aber um Verständnis, wenn ich nicht alle Facetten des Mosaiks entschlüsseln konnte.

Wer trinkt soll reines Herzens sein; mit Wein ist nicht zu scherzen.

(Friedrich Rückert)


Die Vinhos Deluxe Edition basiert auf dem 2010 erschienenen Orginalspiel. Es bietet jedoch zwei verschiedene Versionen desselben Spiels, damit man für sich selbst entscheiden kann, wie komplex das Ganze werden soll. Neben der "2010 Reserve Edition", die dem Originalspiel entspricht, finden wir in der Box noch eine "2016 Special Vintage Edition", die etwas vereinfacht wurde und so einen leichteren Einstieg bietet. Wir beschäftigen uns hier im Ablauf mit der "2010 Reserve Edition", da diese für mich das komplette Spiel darstellt. Am Ende gehe ich noch kurz auf ein paar Unterschiede ein.

Der Aufbau für drei Spieler.

Genau 12 Aktionen bleiben uns, um das erfolgreichste Wein-Imperium aufzubauen. Dabei nutzen wir in jeder Runde unseren Arbeiter, um ihn im Aktionsbereich neu zu platzieren. Dabei müssen wir im Auge behalten, dass es Kosten verursacht, wenn wir auf ein Feld springen, das nicht an unseren Arbeiter angrenzt, dieses bereits durch Mitspieler besetzt ist oder in dem sich der Rundenmarker befindet. Das erfordert von uns ein großes Maß an Vorausplanung.

Hier werden die einzelnen Aktionen mit unserem Arbeiter ausgewählt.

Als Aktionen stehen uns natürlich zuerst die Ausbauten unserer Firma zur Verfügung. Wir können entweder neue Weinberge, einen Keller oder Weingüter kaufen. Weinberge gibt es in verschiedenen Regionen Portugals. Alle bieten dabei einen eigenen Vorteil und können natürlich Rot- oder Weißwein hervorbringen. Im Keller können wir den Wein nicht nur länger lagern, sondern ihn auch punkteträchtig Reifen lassen. Das Weingut wiederum sorgt für besseren Wein und bietet Platz für einen Önologen, der sich auch auf die Qualität des Weines auswirkt. Zusätzlich steigert fast alles den Ruf des jeweiligen Wein-Anbaugebiets. Dieser wird über Würfel symbolisiert, die sich dort ansammeln. Dadurch lässt sich dann der Wert des Weines noch weiter steigern.

Zwei Weingebiete haben wir bereits erschlossen. In den Kellern lagern auch schon die ersten Fässer.

Neben dem Önologen stehen uns noch weitere Experten zur Verfügung, die jeweils auf einem einzelnen Gebiet bewandert sich. Diese beschäftigen sich mit Optik, Duft, Geschmack oder Alkoholgehalt des Weins. Das wirkt sich auf die Messe aus, auf die wir später eingehen. Zuerst einmal ist wichtig, dass jeder Experte eine Sonderfähigkeit mitbringt, die man einmal pro Phase nutzen kann.

Als Nächstes wären da noch der Verkauf oder der Export von Wein. Hier kommen dann noch die oben erwähnten Ruf-Würfel ins Spiel. Denn durch diese lässt sich - neben der Einlagerung in einem Keller - der Wert des Weines noch weiter steigern. Bis zu zwei Würfel dürfen wir hierfür abwerfen, um einen Wein zu liefern, der den geforderten Werten entspricht. Der Export bringt uns dabei Siegpunkte. Jetzt gleich und eventuell am Ende des Spiels, wenn wir in einem Bereich die Mehrheit haben sollten. Der Verkauf wirkt sich positiv auf unser Bankkonto aus.

Der Export. Rechts in der Zeile sind die sofortigen Siegpunkte. Oben diejenigen, die der Spieler erhält, der am Spielende in einer Spalte die Mehrheit hat.

Ihr habt richtig gelesen. Das Bankkonto. Denn Geld wird nicht direkt ausbezahlt, sondern muss in einer separaten Aktion vom Konto geholt werden. Alternativ könnt ihr mit der Bank-Aktion natürlich auch Geld auf das Konto einzahlen oder Investments tätigen. Ersteres ist wichtig, da der Kontostand am Spielende Auswirkungen auf die Siegpunkte hat. Letzteres beeinflusst, ob ihr kurzfristig Geld abrufen könnt und wie sich euer Konto am Ende einer Phase verändert.

Die Bank. Oben das Konto, von dem wir mittels Aktion Geld abheben können. Unten die Investments, die beeinflussen, wie sich unser Konto zwischen den Phasen entwickelt.

Zuletzt gibt es noch die Aktionsmöglichkeit die Spielerreihenfolge anzupassen und dabei eine Pressemitteilung herauszugeben. Diese betrifft den Wein, den wir auf der nächsten Weinmesse präsentieren werden und welchen Messestand - mit seinem jeweiligen Bonus - wir uns sichern.

Nach jeweils zwei Aktionen kommt es zur Produktion. Heißt unser Wein reift nicht nur, in den Fässern, sondern wir ernten auch den neuen Jahrgang. Außerdem müssen wir nun Mitarbeiter bezahlen.

Im Spiel kommt es dreimal zu einer Wein-Messe. Auf dieser dürfen wir einen unsrer edlen Tropfen präsentieren. Neben dem Wert des Weines und des gewählten Messestandes helfen uns noch Experten, die wir zuvor gesammelt haben, unsere Platzierung zu verbessern. Je nach Platzierung erhalten wir nun Siegpunkte oder gehen leer aus.

Der Messebereich. Auf der Laufleiste sieht man unseren allgemeinen Ruf des Weines. Links sind die Messestände und rechts, die Experten und wie sie sich aktuell auswirken könnten.

Zuletzt möchte ich noch kurz die Magnaten erwähnen, da sie sehr wichtig sind. Was ich oben noch verschwiegen habe, war, dass, wenn man eine Pressemitteilung herausgibt, man noch eine Zusatzfunktion auslösen kann. Entspricht der Wein einer der Anforderungen eines der Magnaten (Farbe, Region oder Wert) kann man ein Fass bei diesem abstellen. Ab nun kann man einen Wein abwerfen, um das Fass beim Magnaten zu bewegen. Dadurch können wir eine zusätzliche Aktion ausführen oder uns eine weitere Wertung fürs Spielende sichern.

Die drei Magnaten. Neben jedem befinden sich zwei zusätzliche Aktionen und drei Punktemöglichkeiten, die wir auslösen können, indem wir einen Wein abwerfen. Zuvor müssen wir jedoch auf dem Schirm des jeweiligen Magnaten erscheinen.

Das war es im ganz Groben. Natürlich gibt es noch viele kleine Details, die ich euch jetzt verschwiegen habe. Sei es das Wetter, Weinbauern oder wie festgelegt wird, wie wertig die einzelnen Experten für die Messe sind. Aber das würde den Rahmen nun sprengen. Wie versprochen gibt es jedoch noch einen kleinen Überblick über die Unterschiede zur "2016 Special Vintage Edition".

Hier wurden ein paar Änderungen vorgenommen, um das Spiel einfacher zu gestalten. Die Bank wurde komplett gestrichen. An deren Stelle kommt ein weiteres Aktionsfeld, mit dem man sich einen Weinberg kaufen kann. Außerdem wurde die Wein-Messe etwas entschärft. Die Sonderaktionen der Magnaten sind nun einzelne Plättchen, für deren Verwendung man nun keinen eigenen Wein abwerfen muss.


Unendlich viele Menschen haben nie einen Gedanken gehabt und sehen doch wie Denker aus. Sie sind wie Kartenspieler: Unendliche Kombinationen durch wenige gegebene Blätter.

(Christian Friedrich Hebbel)


Christian meint:

Eines muss man natürlich sagen, es ist überwältigend, die Vinhos Deluxe Edition das erste Mal auszupacken. Die Schachtel ist vollgestopft mit ansprechendem Material, das einem aus dem Staunen nicht mehr entlässt. Die Plättchen sind alle extra dick, was ein schönes, haptisches Erlebnis bietet. Und auch, wenn einen das Spielfeld beim ersten Betrachten überfordert, kann man es ziemlich schnell lesen. Zusätzlich sind alle wichtigen Informationen an Ort und Stelle, damit man kein Detail im Ablauf vergessen kann. Aber auch, wenn man befürchtet, vom Spiel erschlagen zu werden, sind die Regeln doch so gut aufgebaut, dass man sie bereits beim ersten Lesen zum größten Teil erschließen kann. Man ist sich schnell sicher, das Spiel im Griff zu haben.

Das aktuelle Wetter verspricht einen guten Wein. Außerdem steigt nun die Wertigkeit der Experten für Geschmack und Geruch. Unsere Magnaten sind an Weißweinen mit einem Mindestwert von 8 aus den Regionen 1, 4, 7 und 8 interessiert.

Zumindest bis zur ersten Partie. Denn dann offenbart sich, was Vinhos für ein Monster ist. Während noch kurz zuvor alles klar und logisch erschien, rächt sich nun, wenn man nicht genau plant. Denn Vinhos ist ein Rätsel, das geknackt werden muss. Dabei ist eigentlich recht offensichtlich, was man erreichen sollte, jedoch der Weg dahin ist sehr steinig. Zumal man die Mitspieler als Unbekannte jeweils neu einschätzen und bewerten muss.

Die Beschränkung auf 12 Aktionen wirkt auf den ersten Blick recht hart. Denn, wie in vielen anderen Spielen, hat man immer das Gefühl, dass man noch so viel mehr tun möchte, sodass sich ein starker Druck aufbaut. Denn keine der wertvollen Aktionen darf verschwendet sein. Und dennoch ist es wunderbar, zu sehen, was man sich in so kurzer Zeit alles aufbauen kann. Zumindest dann, wenn man die Magnaten geschickt mit Billigwein füttert, um deren Aktionen auszunutzen.

Diese vier Experten sind aktuell verfügbar.

Und genau jetzt muss ich beichten. Ich bin unglaublich schlecht in Vinhos. Ich als Bauchspieler habe hier schlichtweg keine große Chance auf einen grünen Zweig zu kommen. Natürlich kann ich mich in Spiele fuchsen, Pläne schmieden und diese siegreich verfolgen. Aber Vinhos ist für mich eine Art geistiger Overkill. Beziehungsweise ich könnte bestimmt alles genau analysieren, jedoch habe ich dazu dann einfach keine Lust. Ich möchte keine drei Züge im Voraus planen, welche Weine nun kommen und wie ich diese mit den aktuellen Bonussen erfolgreich verwenden kann. Vinhos ist für mich ein Beispiel, dass ein Spiel kein Spiel mehr ist, sondern Arbeit. Zumindest dann, wenn man den Anspruch hat, wirklich gut zu sein.

Fühle ich mich dennoch unterhalten? Aber sicher, die Zeit vergeht, wie im Fluge. Ich bin in keinem Moment gelangweilt, sondern über die komplette Dauer sogar gut unterhalten. Aber gleichzeitig weiß ich, dass ich mit Pauken und Trompeten untergehen werde. Gut, das ist jetzt maßlos übertrieben, so schlecht war ich punktetechnisch dann doch nie, aber um den Sieg musste ich mir auch keine Gedanken machen.

Also stehe ich vor dem Phänomen, dass mir das Spiel zwar gefällt und es auch gerne mitspiele, ich aber nicht bereit bin mich intensiver damit auseinanderzusetzen.

Die ersten Verkäufe wurden bereits getätigt.

Ist das nun gut oder schlecht? Kommt wie immer darauf an. Habt ihr die Möglichkeit Vinhos zu spielen, solltet ihr das unbedingt tun. Denn es ist schon ein Erlebnis. Und wenn ihr es liebt, harte Nüsse zu knacken, umso besser. Ich kann die Faszination um das Spiel schon verstehen, auch, wenn ich sie nicht durchweg teile.

Dabei schafft Vinhos sogar den Spagat mit der richtigen Dosis Interaktion in einem harten Euro-Spiel. Denn es sind eben nicht Aktionen, die wir uns wegnehmen, sondern hart umkämpfte Plätze im Export und Verkauf. Auch die hohen Platzierungen auf der Wein-Messe sind hart erkämpft und werden einem nicht geschenkt. Somit ist es unerlässlich die Gegner im Auge zu behalten und zu versuchen rechtzeitig entgegenzusteuern.

Was mich auch fasziniert ist, dass Vital Lacerda es tatsächlich geschafft hat ein komplexes Spiel zu gestalten, das nicht kompliziert ist. Zwar sind es natürlich viele kleine Systeme, die wir auf dem Plan spielen, aber die Verzahnung ist so gut gelungen, dass daraus ein großes Puzzle entsteht, welches fest verwoben die Thematik vor sich herträgt. Es gibt keine Regel, die nur deswegen erschaffen wurde, um das Spiel unnötig aufzubauschen. Dadurch wirkt alles, wie aus einem Guss.

Dennoch werde ich nun erst mal mit Vinhos abschließen. Nicht endgültig, aber ich brauche eine Pause. Zum Glück weiß ich, dass der Wiedereinstieg weitaus weniger steinig ist, als bei vielen anderen, komplexen Titeln.

Das gefiel uns:

  • Komplexes, aber nicht kompliziertes Spiel.
  • Viele Intuitive Regeln.
  • Tolles Material.

Das nicht so:

  • Fühlt sich teilweise mehr nach Arbeit, als nach Spiel an.

Zusammenfassung

Ein wahrer Hirnzwirbler, auf den man sich einlassen muss. Keine allzu leichte Kost, die einen vor interessante Aufgaben stellt. Lässt man sich jedoch nicht darauf ein, wird man es recht schwer haben.

Spielstil Wertung

8
10
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Hinweis:
Wir haben das Rezensionsexpemplar als zeitlich begrenzte Leihgabe ohne Auflagen vom Verlag bekommen.
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Written by Christian Renkel
Christian liebt Brett- und Videospiele mehr, als ausreichenden Schlaf. Dabei ist ihm am wichtigsten, dass er in der jeweiligen Welt versinken kann. Egal, ob es die geschickte Mechanik oder die überkochende Emotion ist. So erreicht ihr ihn: Christian@Spielstil.net
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