SPIELSTIL Rezension

Der Unterhändler: Verbrechenswelle

Ein Spiel entwickelt von A. J. Porfirio
erschienen bei Frosted Games, Van Ryder Games

- 8.Dez.2021

„Ich bin einfach zu alt für diesen Scheiß!“, geht es mir wieder und wieder durch den Kopf. Und ich gehe noch mal meinen Text durch. Ich zwinge mich ruhig zu bleiben, dann greife ich zum Telefon, das vor mir steht. Um mich herum, im Halbschatten, steht mein Team – alle Blicke sind auf mich gerichtet, es hängt nun alles von diesem Anruf ab. Alle verlassen sich auf mich – das macht die Sache nicht einfacher. Aber noch länger warten auch nicht.

Ich greife zum Hörer, drücke die Taste „Wahlwiederholung“. Klar, diese Nummer habe ich heute oft genug gewählt; mit gemischtem Erfolg. Aber das ist kein Spiel! Ich mache das nicht zum Spaß oder für meinen persönlichen Ruhm! Ich mache das, damit ich auch morgen noch in den Spiegel schauen und zu mir sagen kann: „Dich trifft keine Schuld! Du hast alles versucht!“

Es klingelt. Zweimal. Dreimal. „Verdammt, nimm schon ab!“, fährt es mir durch den Kopf. Ruhig bleiben. Ganz ruhig. Sie meldet sich, wie immer, betont freundlich. Ha! Darauf falle ich nicht rein!

„Hören sie…“, beginne ich, „…das bringt doch nichts! Sie wissen das, ich weiß das. Wir spielen dieses Spiel schon den ganzen Abend, aber irgendwann muss alles auch einmal enden – zum Guten oder zum Schlechten! Das liegt ganz bei Ihnen! Ich – WIR – machen Ihnen keinen Vorwurf, die Situation ist nun mal, wie sie ist…“ Ich schlucke, Schweiß rinnt mir den Nacken runter. Jetzt oder nie, ein mutiger Vorstoß! „Schicken sie einfach die Letzte raus! Es ist ok! Es muss nicht schlimm enden!“ – Stille am anderen Ende der Leitung.

„Aber sehr gerne! Ich schicke sie in 15 Minuten los.“ Ich kann die triefende Ironie und die falsche Freundlichkeit in ihrer Stimme förmlich spüren. Verdammt. „Sorry Leute, ich hab es versucht. Ich glaube, wir bekommen die letzte Pizza nie!“ Kollektives Aufstöhnen um mich herum. Dabei hatte sich meine Spielrunde auf mich verlassen! Ernsthaft, bei PizzaPizza-Superblitz bestellen wir nie wieder zum Spieleabend! Nachdem alle (hungrig) gegangen sind, greife ich mir zur Entspannung erstmal Der Unterhändler: Verbrechenswelle aus dem Regal.

Es geht uns gut! Aber sagen Sie ja nicht nochmal nein, Sie bekloppter Arsch!

(Verhandlungssache)

Bei diesem reinen Solospiel übernimmt man die Rolle einer Unterhändlerin. Man verhandelt mit einer mehr oder weniger verzweifelten Person, die sich entschieden hat, Geiseln zu nehmen, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Wir versuchen nun durch geschickte Verhandlungen zum Einen alle Geiseln zu befreien; zum anderen die Geiselnehmerin zur Aufgabe zu bewegen.

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Nicht immer endet eine knallharte Verhandlung glimpflich für alle…

Am Anfang sieht es meist so aus, dass sich alle Geiseln in Gewalt unserer Gegenspielerin befinden. Sie hat Forderungen, die wir allerdings (noch) nicht kennen, und unsere Zeit ist begrenzt. Wir spielen nun über mehrere Runden, wobei eine Runde die Form eines Anrufs, also eines Gesprächs, annimmt.

Dieses Gespräch stellt sich so dar, dass wir eine Reihe von Handkarten haben, welche wir als Gesprächsoption ausspielen und dann würfeln. Je nach Ungeduld oder auch Gefahrenlage – also, je nachdem, wie gereizt der Geiselnehmer schon ist – haben wir dabei 1 bis 3 Würfel zur Verfügung. Wir versuchen nun im besten Fall 2 Erfolge zu erwürfeln, aber das ist hinreichend schwierig: Denn nur die 5 und die 6 des Würfels sind ein Erfolg. Auf der 4 kann man zumindest einen Erfolg erlangen, indem man 2 Karten abwirft. Das ist hart, weil jede Karte ja potenziell neue Optionen ermöglicht. Aber mitunter sind die Konsequenzen eines gescheiterten Wurfs schlimmer – oftmals ein Gesprächsabbruch, also das Ende der Runde.

Meist sammeln wir in der Runde sogenannte „Verhandlungspunkte“ – das ist quasi die Währung, mit der wir uns nun neue Karten kaufen können, und die haben es in sich! Denn anders als die Startkarten sind diese neuen Karten deutlich stärker und effektiver und ermöglichen neue Wege, um weitere Geiseln zu befreien. Deshalb bietet das Spiel auch die oftmals gute Alternative, eine Karte simpel für einen Verhandlungspunkt abzuwerfen. Manchmal ist das die bessere Wahl, als die Karte für ihre Wirkung auszuspielen.

Ist unsere Zeit abgelaufen – dargestellt durch einen (viel zu kleinen) Stapel von Ereigniskarten – und der Geiselnehmer nicht bezwungen, haben wir verloren. Gibt er vorher auf, oder konnten wir ihn unschädlich machen, haben wir gewonnen. Punkte gibt es keine: Es zählt nur, ob wir erfolgreich verhandelt haben oder nicht.

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Wer von den Kandidaten hätte Zeit für einen kleinen Plausch?!

Um für Abwechslung zu sorgen, gibt es drei verschiedene Geiselnehmerinnen und Geiselnehmer; alle haben besondere Auswirkungen auf das Spielgeschehen, beginnen mit unterschiedlichen Startbedingungen (die Anzahl der Geiseln, Stufe der „Wut“) und haben andere Forderungen. Besitzt man das erste Grundspiel, kann man zusätzlich gegen diese Geiselnehmerinnen spielen und hat damit zwei verschiedene Ermittler und 6 Fälle. Also satte 12 verschiedene Situationen zu meistern!

Jetzt verrat‘ mir mal eins, Harry: Warum mach‘ ich den Job?

(Jack Traven – Speed)

Thomas meint:

Dieses Spiel durchlief bei mir mehrere Phasen. Mein erster Kontakt damit war nur durch Bilder auf BoardGameGeek, bei denen ich direkt dachte: Puh, wie hässlich ist dieses Spiel? Alles in schwarz gehalten, dann knallige Farben in Rot, Blau und Grün auf den Karten; Sprechblasen an irgendwie immer demselben Gesicht? Nein, Danke – das möchte ich nicht spielen!

Danach habe ich immer wieder davon gelesen, während ich mich mit Solospielen beschäftigt habe. Wobei die Meinungen dabei stark auseinandergingen: Die einen waren totale Fans und haben das Spiel geliebt; die anderen haben es gehasst und es als reines Glücksspiel voller unfairer Elemente bezeichnet. Dem entgegen haben die Fans betont, dass es ein geniales Puzzle sei, welches einen immer wieder herausfordern kann.

Der_Unterhaendler_Verbrechenswelle_Wuerfel

Die Würfel sind nicht – ich wiederhole: NICHT! – eure Freunde!

Also war meine Neugier geweckt und ich habe mir die 2. Grundbox „Verbrechenswelle“ vorgenommen. Und meine ersten Versuche in diesem Spiel waren desaströs. Die Partie war entweder vorbei, weil der Ereigniskartenstapel leer war und noch mindestens die Hälfte der Geiseln in Gefangenschaft war – oder aber es sind so schnell so viele umgebracht worden, dass die Partie deshalb scheiterte. Ich habe die Würfel verflucht, ich habe die Ereigniskarten verflucht – und wieder und wieder die Anleitung gelesen, ob ich nicht falsch spiele…

…und dann hat es „Klick“ gemacht, und ich habe plötzlich verstanden, wie das Spiel funktioniert. Wie man spielen muss, damit es klappt. Und ab dann ging es bergauf mit meinen Verhandlungen und ich habe auch Spiele gewonnen. Sicherlich, es bleibt ein Würfelspiel mit geringen Chancen auf Erfolg – aber genau das ist es, was ich einplanen muss! Ich muss davon ausgehen, dass die Karten NICHT erfolgreich gespielt werden. Erfolge zu würfeln ist quasi das Zuckerl. Oder aber ich muss durch andere Karten oder Effekte einen Würfelwurf vorbereiten, der dann durchschlagenden Erfolg hat. Auch das Abwerfen von Karten für Verhandlungspunkte sollte nicht unterschätzt werden. Sicherlich ist es schön, wenn ich zwei oder drei Verhandlungspunkte durch erwürfelte Erfolge bekommen kann – aber wenn ein Misserfolg bedeutet, dass ich einen Punkt bekomme, aber die Runde endet – dann kann ich auch gleich die Karte abwerfen. Es sei denn natürlich, dass es meine letzte Karte auf der Hand ist.

Ihr seht schon, plötzlich eröffnen sich viele taktische, aber auch strategische Überlegungen: Wie will ich überhaupt gegen diesen Geiselnehmer gewinnen? Was ist meine Strategie? Geiseln befreien, indem ich die Eskalationsstufe immer weiter drücke? Oder durch Verhandlungskarten? Welche Verhandlungskarten möchte ich überhaupt kaufen, was ist der Zug, auf den ich hinausspiele, um zu gewinnen? Das Puzzle öffnet sich vor einem mit all seinen Möglichkeiten, während man sich vorher gefangen fühlte von den elendigen Würfeln.

Der_Unterhaendler_Verbrechenswelle_Karten

Unten seht ihr die Verhandlungskarten der Oberliga – aber die haben ihren Preis…

Doch kommen wir zu dem Elefanten im Zimmer: Dieses Spiel hat ein sehr spezielles und auch sehr ernstes Thema. Als kleine gelbe Pöppel dargestellt, befinden sich hier auf unserem Spielplan meist um die 10 Menschen, welche von einer verzweifelten Person bedroht werden. Und zwar mit dem Tod. Natürlich ist das Ziel dieses Spiels, diese Situation zu meistern: Wir wollen versuchen, so viele Geiseln – Verzeihung, Spielsteine – wie möglich zu retten – ich meine nach links zu schieben. Aber das ist so nicht richtig: Denn das Spiel ist nicht gewonnen, wenn wir viele oder auch alle Geiseln retten – das Spiel ist erst gewonnen, wenn wir die Geiselnehmerin dingfest machen.

Und jetzt wird es ethisch schwierig: Um dies zu tun, darf keine Geisel mehr festgehalten werden. Dann kann ein Zugriff erfolgen, und man verhaftet oder tötet den Geiselnehmer. Aber nicht falsch verstehen: das bedeutet nicht, dass wir alle Geiseln retten müssen. Die Bedingung ist: Mindestens die Hälfte der Geiseln retten, keine Geisel mehr festgehalten und dann den Verbrecher ausschalten. Wenn also sich noch 2 Geiseln in der Gewalt meines Gegenübers befinden und wir schon die „benötigte“ Anzahl gerettet haben, dann kann es im Sinne des Spiels durchaus effektiver sein, eine riskante Handlung auszuführen, welche (geplant) scheitert, damit der Geiselnehmer die letzten beiden Geiseln tötet. Dann können wir einen Zugriff ausspielen und ihn von Scharfschützen erschießen lassen.

Da stellt sich schon die Frage, ob es moralisch richtig ist, eine Geiselnahme so darzustellen. Wenn man ganz hart ist, kann man auch sagen: Es ist nicht ein Spiel mit dem Ziel, eine Geiselnahme unblutig zu beenden; es ist ein Spiel über eine Unterhändlerin, welche um jeden Preis ihre Karriere vorantreiben will, indem sie den Geiselnehmer festsetzt. Tot oder lebendig. Natürlich verstehe ich, dass die Mechanik so funktionieren muss. Könnte ich einfach den Geiselnehmer erschießen lassen, ohne alle Geiseln zu befreien, würde ich immer nur auf dieses Ziel spielen. Im aktuellen Design muss es auch möglich sein, dass eine Geisel umgebracht wird. Vielleicht wäre aber eine Mechanik besser gewesen, bei dem man das Spiel verliert, sobald eine Geisel stirbt? Das wäre zumindest moralisch sicherlich besser zu verkraften.

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So sollte das Ziel des Spiels aussehen: Alle Geiseln haben überlebt!

Kurz gesagt: Man muss sich von dieser moralischen Vorstellung lösen und das Spiel abstrakt betrachten, dann kann man damit Spaß haben. Wenn einem das nicht gelingt – oder man das schon von vornherein nicht möchte – dann sollte man um Der Unterhändler: Verbrechenswelle besser einen weiten Bogen machen.

Lässt man sich allerdings auf das makabere Thema ein und hat auch kein Problem mit den oft unfair erscheinenden Würfeln oder dem unberechenbaren Ereigniskarten-Stapel, dann wird man mit einem spannenden Puzzle belohnt, welches viel Wiederspielwert durch die unterschiedlichen Ereignisse und Forderungen bietet.

 

Der Unterhändler: Verbrechenswelle von A. J. Porfirio

Der Unterhändler Verbrechenswelle Cover

Spannendes Puzzle mit steiler Lernkurve; allerdings auch starken Zufallselementen und einem schwierigen Thema, welches nicht für jeden geeignet ist.

Spielstil – Wertung

8/10
Das gefiel uns
  • Spannendes Puzzle
  • Wiederspielreiz durch unterschiedliche Setups
  • Steile Lernkurve
Das nicht so
  • Starke Zufallselemente
  • Hohes Frustpotential
  • Unthematische Entscheidungen

Hinweis:
Wir haben das Rezensionsexemplar ohne Auflagen gratis vom Verlag bekommen.

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Thomas Büttner

Tom schätzt neben komplexen Euros auch thematisch satte Solitär-Meisterwerke - und natürlich feine App-Umsetzungen. Dabei wird er schon mal ungehalten, wenn die Steuerung umständlich ist oder das User Interface unintuitiv.

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