Chronicles of Crime – Corax Games – 2018

Digitale Brettspiele sind so eine Sache. Manche haben derart zwanghaft versucht die neue Technik einzubauen, dass das Spielerische auf der Strecke blieb und sich eine Partie wie eine gefühlte Ewigkeit anfühlte. Wie ein Fremdkörper wirkte es und machte das eigentlich einfache Spielprinzip unnötig kompliziert. Nehmen wir die ursprüngliche Fassung von “Leaders” zum Beispiel. Man nehme Risiko und packe eine wirklich interessante Komponente hinzu. Geheimnisse. Ob Spionage, Sabotage oder einfach der Ausbau an sich. Alles Aspekte, die einem Spiel die nötige Würze verleihen könnten. Wäre da nicht das Tablet gewesen. Einfache Entscheidungen benötigten so ein Vielfaches an Zeit, was bei entsprechend großer Runde zu einer viel zu großen Downtime führt. (Anmerkung: Inzwischen ist ein Update erschienen, das ich noch nicht kenne. Man spielt nun parallel mit verschiedenen Geräten, was den Ablauf enorm beschleunigen soll.)

Nun kommt “Chronicles of Crime” daher. Wieder ein Spiel, das voll auf Smartphone und Tablet setzt. Ob es dabei erfolgreicher ist, als viele seiner Kollegen, erfahrt ihr hier.


Man hat Exempel, daß man den Mord liebt und den Mörder straft.

(Friedrich Schiller)

Wir sind Ermittler bei Scotland Yard. Ziel ist es Fälle zu klären. Hierfür befragen wir Zeugen, untersuchen Orte oder lassen unsere Wissenschaftler einzelne Hinweise untersuchen. Dabei ist jeder Gegenstand, jede Person und jeder Ort als Karte oder Tableau vorhanden. Auf allen befindet sich ein QR-Code. Mit dem Handy scannen wir diese Codes und kombinieren sie, um das Geheimnis zu lüften. Denken wir die Lösung zu wissen, müssen wir eine Reihe an Fragen durch Scannen der richtigen Karte zu beantworten.

Einen kleinen Überblick aus dem Tutorial erhaltet ihr in dieser Galerie:

Wir starten die App und wählen einen Fall aus. In diesem Fall das Tutorial.
In der Einleitung erfahren wir, dass der Kommissar der Charakter Nr. 33 ist.
Wir legen uns Scotland Yard als Ort bereit. Da wir wissen, dass der Kommissar dort anzutreffen ist, legen wir ihn dorthin.
Im Anschluss scannen wir seinen QR-Code, um ein Gespräch mit ihm zu beginnen.
Er erzählt uns vom ersten Opfer.
Da wir den aktuellen Standort der Leiche nicht kennen, kommt die Charakterkarte aufs Tableau.
Nun scannen wir das Opfer. Da wir noch im Gespräch mit dem Kommissar sind, bedeutet es, dass wir ihn fragen, was er über das Opfer weiß.
Von ihm erfahren wir, dass wir nach Notting Hill müssen.
Wir dürfen den angesprochenen Ort auslegen.
Nachdem wir das Gespräch beendet haben, scannen wir den Ort, um dorthin zu reisen.
Wir sind angekommen.
Die App zeigt uns an, dass wir den Ort durchsuchen können.
Ein Ermittler nimmt das Handy und kann nun auswählen, in welchem Format er den Tatort durchsuchen möchte.
Den Tatort muss er sich innerhalb eines Zeitlimits genau ansehen. Dabei erzählt man den Kollegen, was er sieht.
Man sollte jedes Detail erwähnen, da es wichtig sein könnte.
Irgendwann ist die Zeit abgelaufen. Der Tatort kann dann zwar erneut durchsucht werden, jedoch verlieren wir dadurch wertvolle Zeit.
Die Mitspieler versuchen die genannten Details im Kartenstapel zu finden.
Im Anschluss scannt man die einzelnen Hinweise. Doch man sollte aufpassen. Denn jeder Scan kostet Zeit.
Die App sagt einem dabei, ob man was Interessantes entdeckt hat.
Findet man einen Hinweis, gibt es eine gesonderte Meldung.
Diese Karten sammeln wir auf dem Tableau.
Insgesamt vier Mitarbeiter des Scotland Yard stehen uns zur Seite. Wir entscheiden uns an diesen Punkt mit dem Arzt Kontakt aufzunehmen.
Dadurch kommen wir ins Gespräch mit ihm.
Wir fragen ihn nach den Katzen und finden dabei einen weiteren Hinweis.
Die passende Sonderkarte legen wir uns bereit.
Haben wir den Fall gelöst gehen wir zurück zu Scotland Yard, um Bericht zu erstatten.
Uns werden dabei Fragen gestellt.
Diese beantworten wir, indem wir die passenden Karten scannen. Zum Abschluss erhalten wir eine Bewertung und können die Lösung des Falls einsehen.

Mord, hat er schon keine Zunge, spricht mit wundervollen Stimmen.

(William Shakespeare)

“Chronicles of Crime” hatte in unserer Runde beide Extreme erreicht. Totale Langeweile und absolut gefeierten Exzess. Dabei war eines zu beobachten. Je mehr Spieler beteiligt waren, desto uninteressanter wurde es für den Einzelnen. Wir haben zwar darauf geachtet, brav jeden zu integrieren, aber es gab einfach immer wieder Durststrecken, in denen man nichts zu tun hatte und mit den Gedanken abschweifte. Das riss einen natürlich aus der Geschichte, welche als zentraler Bestandteil für Unterhaltung sorgen sollte. Die beste Erfahrung haben wir im Spiel zu zweit gemacht. Hier war einfach alles vorhanden. Verschiedene Theorien und Diskussionen über dieselben. Interaktion und Abwechslung, wie auch eine wunderbare Immersion. Man konnte ganz in der Geschichte aufgehen.

Die Fälle waren dabei gut gestaltet. Es gab keinen, bei dem wir von Anfang an bereits wussten, wie er enden würde, wobei manche Überraschung schon etwas herber Natur waren. Für mich persönlich gehört auch mal ein zur Geschichte passender Magenschwinger dazu, so dass ich mich unterhalten fühlte (wenn man bei dem Thema von Unterhaltung sprechen kann…). Für etwas empathischere Menschen mag die Grenze des guten Geschmacks überschritten sein. Genauer möchte ich darauf nicht eingehen, um nicht zu spoilern.

Aber nicht nur die Story nimmt einen großen Part des Spielgeschehens ein. Die Technik bestimmt weite Teile des Ablaufs in “Chronicles of Crime”. Wir hatten zum Glück keinerlei Probleme mit dem Scannen der QR-Codes, wobei ich auch von anderen Spielern gelesen hatte, bei denen es nicht so ganz klappte. Das Spiel mit dem Tablet haben wir bald sein lassen, da es sich als zu unhandlich herausstellte. Doch mit dem Handy lief eigentlich alles, wie am Schnürchen. Lediglich den automatischen Scan sollte man abschalten, da man hier eher die falschen Karten erfasst, als die, auf die man zielen wollte. Interessant ist die Untersuchung des Tatorts, wobei es bei nicht VR-Brillen Besitzer ruhig auch ein statisches Bild getan hätte. Die Begrenzung der Zeit zum Umsehen wirkt zwar vielleicht etwas befremdlich, bringt aber dann doch etwas Action ins Spielgeschehen.

Als wir die Spielerzahl reguliert hatten, hat uns “Chronicles of Crime” sehr gut unterhalten. Auch, wenn manche Ermittlung uns in Sackgassen warf, aus denen wir uns nicht so richtig befreien konnten. Vor allem beim dritten Fall der “Trilogie” hatten wir unsere Probleme und konnten schlussendlich den Weg zur Lösung nicht finden. Dabei konnten wir nicht herausfinden, an welcher Stelle wir etwas übersehen hatten. Hier wären kleine, abrufbare Hinweise toll, damit man die Geschichte weiter erleben kann.

Diverse Überraschungen in den Fällen sorgten für die nötige Abwechslung. Wobei wir ruhig mehr Informationen gebraucht hätten, um mit den neuen Situationen richtig umzugehen. Hier war nicht immer klar, was zu tun war.

Die Technik hat sich gut integriert und stand dem Spaß nicht im Weg. Doch zwei Gedankengänge habe ich noch. Mir ist klar, dass die neue Technik förmlich nach DLC ruft. Doch die Integration eines zusätzlichen, digitalen und kostenpflichtigen Inhaltes in ein Brettspiel wirkt auf den ersten Blick befremdlich. Als zweites frage ich mich bei Spielen mit digitaler Unterstützung natürlich, wie lange diese überhaupt verwendbar ist. Wann ist der Punkt erreicht, in der zum Beispiel eine neue iOS Version eine Anpassung der App bräuchte, welche jedoch nicht mehr umgesetzt wird. Haben wir hier also ein Spiel mit Verfallsdatum, bei dem ich Pech habe, wenn ich es erst einmal im Schrank lagere?

Wahrscheinlich hätte ich natürlich genügend Zeit, aber dennoch bleibt da ein klitzekleiner Restzweifel. Bleibt nur zu sagen, dass man, wenn man an “Chronicles of Crime” interessiert ist, das Spiel möglichst bald konsumiert.

Chronicles of Crime

Corax Games


Autoren: David Cirucel
Dauer: ca. 60 Minuten je Fall
Spieler: 1 – 4
Schwierigkeit: Einsteiger

Anmerkungen