SPIELSTIL Rezension

M.A.R.I. und die verrückte Fabrik

Ein Spiel entwickelt von Johannes Krenner
erschienen bei Asmodee, Lifestyle Boardgames

- 3.Aug.2022

Meine erste Begegnung mit dem Computer als programmierbare Maschine war in der 6. oder 7. Klasse, denke ich. Damals durften wir in das „Computerlabor“ – einen staubigen, muffigen Raum voller grauer Kisten – und haben das erste Mal gelernt, wie man diese Maschinen bedient – und dann auch, wie man sie programmiert! Als Programmiersprache diente damals TurboPascal, denke ich (das liegt wirklich lange zurück) und wir haben nicht direkt programmiert, sondern auf einer Lernoberfläche mit dem schönen Namen: NIKI Hand

NIKI war ein kleiner Roboter, der nur drei Dinge konnte: Einen Schritt vorwärts gehen. Sich nach links drehen. Einen Schalter (auf dem er stand) umlegen. Dementsprechend bestanden unsere ersten Aufgaben darin, ihm Routinen zu schreiben, um sich nach rechts zu drehen oder einen Schritt rückwärts zu gehen. Später durfte er dann auch mal einen Kasten Bier für uns öffnen…

mari niki hand screenshot

NIKI der Roboter (Links am „Eingang“) – ein entfernter Verwandter von M.A.R.I.?

Als ich dann die Beschreibung von M.A.R.I. und die verrückte Fabrik las, musste ich unwillkürlich daran denken – denn M.A.R.I. ist wohl die Schwester von NIKI!

Brauche INPUT!

(Nummer 5)

M.A.R.I., das steht laut Anleitung für Mobile Autonome Roboter-Intelligenz, und sie ist ganz alleine in einer Fabrik, in der ein Blitzeinschlag wohl den Hauptrechner, die CPU, beschädigt hat und nun sind die Sicherheitssysteme… defekt. Hallo! Heftige Wall-E, Nummer 5 lebt und Portal-Vibes! Dieser kleinen Roboterin wollen wir natürlich auf jeden Fall helfen! Am Ende dürfen wir dann bestimmt die wahnsinnige CPU in die Müllverbrennung werfen und dann gibt es Kuchen!

mari programm befehle

Nur ein Teil des umfangreichen Befehlssatzes von M.A.R.I.

Und wie genau läuft es nun ab? Das Spiel ist eigentlich sehr schnell erklärt: Wir haben 40 verschiedene Rätsel in Form von Raumplänen. Diese geben uns den Start- und den Zielpunkt vor, und außerdem eine Reihe von Befehlen, die wir benutzen dürfen, um M.A.R.I. zu steuern. Diese reichen von Vorwärts, Zweimal Vorwärts, Links Drehen und Rechts Drehen über komplexere wie Doppelt Ausführen oder Stopp bis hin zu speziellen wie Tür Öffnen. M.A.R.I. kann sich nur mit diesen Befehlen bewegen – aber benötigt eventuell nicht alle davon.

Der Spielablauf ist simpel: Wir geben M.A.R.I. einen Befehl, und sie führt ihn aus. So weit, so gut. Doch den nächsten Befehl müssen wir nun vor oder hinter dem ersten Befehl legen. Dann werden beide Befehle in ihrer Reihenfolge ausgeführt. Den dritten Befehl können wir nun am Anfang, am Ende, oder auch zwischen den beiden Befehlen platzieren – und ihr merkt schon, dass sich hier eine Befehlskette permanent Erweitert und Verlängert. Damit ergeben sich mit drei verschiedenen Befehlen schon sehr viele Kombinationen, je nachdem in welcher Reihenfolge ich sie auswähle, und wo ich sie in der Befehlskette platziere!

mari level 1

Der erste Level ist quasi das Tutorial – es wird auf dem Plan schon erklärt, wie alles funktioniert!

Gewonnen haben wir, wenn wir am Ende eines Durchlaufs der Befehlskette auf dem Zielfeld stehen – Verloren, wenn wir keine Befehle mehr haben und M.A.R.I. am Ende des Durchlaufs nicht auf dem Zielfeld steht. Außerdem dürfen wir nicht gegen die Wände fahren, sonst ist die Partie auch verloren. Das hört sich vielleicht einfacher an, als es dann wirklich ist!

Das Enrichment Center teilt Ihnen mit, dass der nächste Test leider unmöglich ist.
Versuchen Sie’s erst gar nicht.

(GLaDOS (Portal))

Thomas meint:

Ich hatte ja ein sehr simples Spiel erwartet: Lege eine Sequenz aus Befehlen, führe diese in sich immer wiederholenden Iterationen durch, bis dann die Roboterin im Ziel landet, fertig. Christian fragte mich schon hämisch, ob ich etwa programmieren lernen wolle. Fast richtig: Ich wollte wissen, ob Menschen mit diesem Spiel programmieren lernen können! Denn die Idee ist ja im Grunde dieselbe.

Schon bei meiner ersten Partie wurde mir klar: Nein – dieses Spiel funktioniert anders! Es ist deutlich fordernder – und besser! – als meine erste Vermutung. Durch die Menge an Varianten, um auch nur 3 Befehle zu legen, wird dieses Spiel erst wirklich spannend! Jetzt entgegnet ihr mir sicherlich: Wieso? Es gibt genau 6 Kombinationen, in denen 3 verschiedene Befehle ausliegen können?

mari bodenpläne

Die Optik der Level verändert sich immer wieder – sehr schön!

Vollkommen richtig. ABER: Da nach jedem Auslegen eines Befehls die Befehlskette abgearbeitet wird, kommt es nicht nur auf die Kombination am Ende an – sondern auch auf die Reihenfolge, in der ich die Befehle lege! Und damit sind wir bei 3 Befehlen nämlich nicht bei 6 Kombinationen, sondern bei 36 verschiedenen Möglichkeiten! Und mit 4 verschiedenen Befehlen sind wir schon bei 576 Varianten – also ganz schnell an einem Punkt angelangt, an dem simples Ausprobieren nicht mehr weiterhilft.

Aber deshalb gibt es drei Maßnahmen, um es nicht ganz so schwer zu machen: Erstens steigt die Schwierigkeit sehr langsam an, zweitens gibt es oft kleine Tipps oder Hinweise auf dem Plan selbst. Einen stichhaltigeren Hinweis kann man für jedes Level auf der beiliegenden Tipps-Karte finden – und wenn all das nicht helfen sollte, kann man auch die Lösung selbst auf einer Lösungskarte ablesen. Das ist wirklich schön gelöst.

Zwei Dinge habe ich aber noch zu meckern: Zum Einen gibt es manche Spielregeln, die man nur auf einer der Level-Karten selbst findet – dort wird eine neue Regel eingeführt, die fortan gilt. Dass sich diese dann nicht im Regelbuch findet, ist ein redaktioneller Fehler. Ich erwarte, dass ich auch nach ein paar Tagen oder Wochen Spielpause alle Regeln in der Anleitung nachlesen kann. Zum anderen ist die Ausstattung des Spiels sehr passend: Schön illustrierte Level-Karten, solide Pappcounter für die Befehle und zusätzlichen Spielelemente – Nur M.A.R.I., unsere Protagonistin, hätte wirklich eine Holzfigur verdient! Das hätte das Spiel nochmals deutlich aufgewertet und den Aufforderungscharakter erhöht!

mari komponenten dissen

Andere Meeples lachen M.A.R.I. aus! Auch ein kleines Spiel darf tolles Spielmaterial haben!

Dennoch kann ich im Fazit zu keinem anderen Schluß kommen, als dieses Spiel auf jeden Fall zu empfehlen, wenn man herausfordernde Rätsel mag. Diesen Ansatz an ein „Programmier“-Rätsel habe ich so noch nicht gesehen und ich finde ihn ganz hervorragend umgesetzt und erfrischend! Beide Roboter-Daumen hoch von meiner Seite! (Und noch ein kleiner Spoiler: Es gibt weder eine wahnsinnige CPU, noch Kuchen am Ende…)

M.A.R.I. und die verrückte Fabrik von Johannes Krenner

mari und die verrückte fabrik cover

Ein erfrischend anderes Programmier-Rätselspiel mit 40 durchaus auch schweren Aufgaben. Klare Empfehlung für alle, die Spaß am Programmieren haben.

Spielstil – Wertung

9/10
Das gefiel uns
  • Sanft ansteigende Schwierigkeit
  • Neuer Ansatz für „Programmierspiele“
Das nicht so
  • M.A.R.I. hätte einen MARIeeple verdient!
  • Regeln teilweise nur auf Missionskarten
Hier bekommt ihr „M.A.R.I. und die verrückte Fabrik“

Milan-Spiele

Hinweis:
Wir haben das Rezensionsexemplar ohne Auflagen gratis vom Verlag bekommen.

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Thomas Büttner

Tom schätzt neben komplexen Euros auch thematisch satte Solitär-Meisterwerke - und natürlich feine App-Umsetzungen. Dabei wird er schon mal ungehalten, wenn die Steuerung umständlich ist oder das User Interface unintuitiv.

So erreicht ihr ihn:

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