SPIELSTIL Rezension
Lesezeit: 6 Minuten
Ein Spiel entwickelt von Hans Pieper, Joel Müseler, Tim Möller-Kaya
erschienen bei Oetinger
Wir alle kennen das Gefühl, wenn wir die halbe Nacht wach im Bett liegen und über vergangenes sinnieren. Sei es ein Streitgespräch, für das einem plötzlich das perfekte Argument eingefallen ist. Oder dieser eine peinliche Moment vor zwanzig Jahren, an den sich außer dir niemand mehr erinnert.
Jetzt nehmt das Gefühl und vervielfältigt es. Denn in der Jugend unseres namenlosen Alter-Egos aus Crime Places – Das Sanatorium ist weit schlimmeres passiert. Eine gute Freundin verschwand von einem Tag auf den anderen spurlos. Gerüchten zufolge aufgrund einer gesundheitlichen Komplikation, die im nahe gelegenen Sanatorium behandelt werden musste.
Jetzt 43 Jahre später wollen wir endlich wissen, was passiert ist. Also sollten wir unserem inneren Drang unbedingt nachgeben und in das verfallene Gebäude einsteigen.

Die komplette Geschichte über werden wir immer wieder aufgefordert Räume auszulegen. Hierzu legen wir diverse Karten zu einem großen Bild aneinander. Hier können wir uns nicht nur einen ersten Überblick verschaffen, sondern auch gezielt entscheiden, welche Bereiche wir näher prüfen möchten.

Hierfür drehen wir die entsprechende Karte um und lesen den nächsten Part der Geschichte durch. Manche Karten sind jedoch mit einem Symbol gesperrt und dürfen erst dann umgedreht werden, wenn wir die Bedingung erfüllen. So wäre es erst möglich (ein spoilerfreies Beispiel) in ein dichtes Rosengestrüpp zu gelangen, wenn wir eine Heckenschere unser Eigen nennen.
Neben der Deutung der Hinweise, die wir finden, gibt es zwischendurch auch immer wieder Entscheidungen zu treffen und Fragen zu beantworten. Scheitern wir, geht die Geschichte dennoch immer weiter. So kann man nie hängenbleiben, beraubt sich jedoch eher mal einem Erfolgserlebnis oder dem guten Ausgang der Geschichte.
Denn das muss man wissen, das Spiel merkt sich durchaus, einzelne Erlebnisse von unserem Ausflug, wodurch sich das Ende unterscheiden kann. Jedoch ist eines sicher. Die Geschichte ist immer gleich und nur, weil wir uns anders entscheiden, werden wir keine neuen Rätsel und Geschichten finden. Oder eher in geringem Maße.
Bevor ich nun aushole, muss ich erst eines loswerden. Crime Places – Das Sanatorium hat mir im Verlauf der Partie Spaß gemacht. Die Story ist jetzt nichts Besonderes, neues. Dennoch war ich gefesselt genug, um wissen zu wollen, wie das ganze endet.
Gewürzt wurde das Spiel durch interessante, aber auch nicht allzu schwere Rätsel. Teilweise hatten wir sie gelöst, bevor wir überhaupt in die Verlegenheit kamen das Rätsel selbst zu hören. Zum Glück gab es nur ein Escape-Room mäßiges Logikrätsel, was für mich ein klarer Pluspunkt ist. Vieles machte im Zuge der Geschichte Sinn und wirkte nicht übergestülpt
Ins Spiel selbst hat man auch innerhalb kürzester Zeit gefunden. Es gibt keine langen Regeln, sondern nur kurze Anweisungen, euch und die Geschichte. So schafft es Crime Places – Das Sanatorium auch mit seinem direkten und unkomplizierten Einstieg zu begeistern.
Und dennoch gibt es auch diverse Schattenseiten. Zuerst einmal spoilerfrei, jedoch werde ich später nicht umhin kommen auf Teile der Geschichte einzugehen. Aber keine Angst. Ich werde das entsprechend markieren.
Der Fall ist sehr geradlinig. Ihr werdet schön an der Hand genommen und durch die Geschichte geleitet. Dabei schwanken die Texte zwischen spannend und maßlos übertrieben. Teilweise haben wir die Augen verdreht, wenn gerade wieder ein besonderer Moment an den Haaren herbeigezogen wurde, nur um eine düstere Grundstimmung zu erzeugen. Das hat für uns nicht funktioniert, weil es einfach mit dem Eimer über einen ausgeschüttet wirkte.
Zusätzlich war ich teilweise an alte Point and Click Adventures erinnert. Denn ein paar der Gegenstände waren einfach nur extrem willkürlich verteilt und machten an diesen Stellen keinerlei Sinn. Zusätzlich gab es dann noch Entscheidungen mit fehlenden Informationen zu treffen, obwohl diese offensichtlich für uns hätten sichtbar sein müssen. Nichts weltbewegendes aber dennoch eher nach dem Motto, dass man hier einfach nur geneckt werden sollte.
Über das Ende selbst habe ich mich dann aber geärgert. Es wirkte nicht nur an den Haaren herbeigezogen, wie man es in manch Krimi gewohnt ist. Nein, ich fühlte mich teilweise regelrecht betrogen. Und hierfür muss ich dann im nächsten Abschnitt spoilern. Wer das nicht lesen möchte, sollte diesen bitte überspringen. Ihr seid gewarnt.
Dazu dann noch die Lösung selbst, die keinen Sinn macht. Unsere Freundin ist vor 43 Jahren verschwunden. Kurz darauf wurde das Sanatorium geschlossen. Die Täterin hatte also mindestens 40 Jahre Zeit Beweise zu vernichten, hat das aber nie getan? Aber plötzlich soll sie im negativem Ende genügend Zeit gehabt haben, um das durchzuziehen?
Wo wir schon bei 43 Jahren sind. Die Täterin wird uns als mittelalte Frau beschrieben. Also in den 40ern oder 50ern. Sie war zum Zeitpunkt des Verschwindens jedoch mindestens geschätzte Mitte 20 Jahre alt. Es würde also mehr Sinn machen, wenn sie auf die 70 zugeht.
Dann kommen wir noch zu den negativen Folgen, die einem am Ende entgegenplätschern. Allein, was da als Verbrechen gegen einen vom Stapel gelassen wird, ist haarsträubend. Hier wird man in Untersuchungshaft genommen, weil man in einem alten verlassenden Gebäude herumgeschnüffelt hat? Äh, ich glaube nicht.
Und genau das Ende war es dann, was den Zeitinvest zuvor irgendwie absurd machte. Das ist in etwa so, wie wenn man einen spannenden Mystery Thriller liest, nur um zu merken, dass das Ende, auf das man die ganze Zeit hin gefiebert hat, nur enttäuschend war. Da sich das jedoch festsetzt, schwächt es dann doch den Gesamteindruck enorm.
Wer jedoch über mehr Suspense of Disbelief (Willentliche Aussetzung der Ungläubigkeit) als ich verfügt, der wird auch hier nicht enttäuscht werden. Kleiner Test dazu, machen Fitzek Thriller für euch Sinn? Dann ist euer Suspense of Disbelief groß genug und ihr könntet hiermit richtig Freude haben. Interpretiert nur nicht allzu viel in die Geschichte selbst hinein.
Crime Places – Das Sanatorium – definitiv kein Happy End! von Hans Pieper, Joel Müseler, Tim Möller-Kaya
Die komplette Partie war sehr unterhaltsam. Wenn nur die Texte nicht teilweise lächerlich düster und das Ende so extrem daneben wäre.
Christian:
Hinweis:
Wir haben das Rezensionsexemplar ohne Auflagen gratis vom Verlag bekommen.
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