This War of Mine – Asmodee – 2018

Krieg ist wohl das abscheulichste, was Menschen zustande bringen können. Dennoch gibt es eine schier unübersehbare Anzahl an Brettspielumsetzungen dazu. Das Grauen scheint faszinierend genug zu sein, dass manch einer seine Freizeit damit verbringen möchte. Doch “This War of Mine” ist kein Standard-Kriegsspiel. Es verschiebt den Blickwinkel. Zeigt, was mit den Menschen passiert, die nicht am Kampf beteiligt sind. Die nur, weil sie am vermeintlich falschen Ort leben, die kompletten Konsequenzen erfahren müssen. Doch, wie fühlt sich das dann an? Das erfahrt ihr weiter unten.


Willst du glücklich sein? Dann lerne erst leiden.

(Iwan Sergejewitsch Turgenjew)

“This War of Mine” wird kooperativ gespielt. Alle versuchen die Gräuel des Krieges zu überleben. Dabei muss der eigene Unterschlupf richtig ausgebaut, alle Überlebenden versorgt und in Trümmern nach den passenden Materialien gesucht werden. Zwischendurch verteidigen wir unser Haus, Kämpfen, wenn es sich nicht verhindern lässt und entscheiden so allerhand unangenehmes. Schafft es mindestens einer der Start-Charaktere bis ans Ende der Geschichte, haben wir gewonnen.

In dieser Galerie findet ihr einen kurzen Ablauf des Spiels:

Heute zeige ich euch keine komplette erste Runde von "This War of Mine". Dafür komme ich dann auch nur mit minimalen Spoilern aus. Außerdem könnt ihr dennoch einen Großteil dessen sehen, was euch im Spiel erwartet.
Wir beginnen damit Charaktere zu ziehen. Diese sind am Start.
Im Anschluss lesen wir die erste Kapitelkarte, welche immer dieselbe ist.
Dies ist das Kapitelziel, welches wir bewältigen sollten.
Außerdem müssen wir eine weitere Kapitelkarte ziehen, welche ein Ereignis auslöst.
Zuerst platzieren wir den angegebenen Kältemarker.
Danach wandert der Scharfschütze auf das zugehörige Feld.
Das Spiel wirbt damit, dass man sofort loslegen kann, ohne Regeln zu lesen. So sieht es dann aus, wenn wir in die Tagesaktionen übergehen. Hier der Kurzabriss aus dem Tagebuch.
Und das zugehörige FAQ im Script (die nicht relevanten Details habe ich geschwärzt).
Beginnen wir mit den Tagesaktionen. Bruno macht sich auf den Weg, um vor das Haus zu schauen.
Zuerst muss er prüfen, ob er von einem Scharfschützen getroffen wurde.
Danach zieht er eine Besucherkarte. Wir erhalten einen neuen Mitstreiter, der sogar etwas Ausrüstung mitbringt.
Wir ziehen eine neue Charakterkarte und platzieren den neuen Mitbewohner.
Roman durchsucht im Haus liegenden Kram.
Dort findet er ein wenig Material für unser Lager.
Katia verwendet derweil die Schaufel, um Schutt zu beseitigen.
Die Schaufel wandert zurück ins Lager und die Schutt-Karte wird umgedreht.
Nun wird geprüft, wer noch eine Aktion durchführen darf. Bis zu 3 Aktionen sind möglich, sofern nicht ein schwarzer Punkt in den Befindlichkeiten dafür sorgt, dass diese gesperrt ist. Wir sehen, dass Bruno, Katia und Roman jeder noch 1 Aktion ausführen dürfen, während Boris zu verletzt ist.
Katia baut uns ein einfaches Heizgerät. Dazu müssen die benötigten Materialien abgegeben werden.
Von nun an steht uns eine weitere Aktion zur Verfügung.
Bruno räumt noch den restlichen Schutt auf die Seite, während Roman sich Gedanken macht, was man noch bauen könnte (hier nimmt er eine Karte aus dem nicht verfügbaren Baustapel und legt sie in den für verfügbare Pläne).
Dämmert der Abend, müssen die Überlebenden versorgt werden. Wir verteilen das vorhandene Wasser.
Da Boris nichts bekommt, muss er würfeln.
Die 2 bedeutet, dass sein Hunger um eine Stufe steigt.
Nach dem Trinken kommt das Essen.
Wer richtig verpflegt wird dessen Hunger sinkt. Boris hat wieder nichts erhalten, weswegen sein Hunger steigt.
Nun teilen wir noch ein, wer nachts welche Aufgabe übernimmt. Bruno und Roman gehen auf Plündertour, während Boris und Katia Wache stehen.
Wir erinnern uns an unseren Scharfschützen. Dieser schießt nun erst einmal auf die Plünderer.
Roman wird nicht getroffen (das Symbol ist nur eine Verletzung, wenn eine Schrotflinte verwendet wurde).
Bruno hat es hart erwischt.
Er erhält 2 Verletzungen.
Jeder, der nachts arbeitet erhält eine Erschöpfung.
Unsere Plünderer suchen sich einen der ausliegenden Orte aus. Wir entscheiden uns für den Supermarkt.
Diese Gegenstände nehmen wir mit. Teils zur Verteidigung, teils als eventuelle Tauschobjekte.
Der Supermarkt befindet sich in der Nähe, weswegen 14 Erkundungskarten bereitgelegt werden. Wir decken die erste auf.
Bei dieser entscheiden wir uns den Lärm zu steigern und zu würfeln. Die 10 ist höher als das aktuelle Lärmniveau, weswegen nichts passiert.
Danach plündern wir das "Mobiliar".
Zusätzlich dürfen wir noch auf einen Sonderfund des Ortes würfeln, wodurch wir 1 Waffenteil erhalten. Alles wird in die Fundsachen gelegt. Hier müssen wir uns zum Ende unserer Tour entscheiden, was wir mitnehmen.
Danach versuchen wir unser Glück mit einer Sonderaktion. Wir werfen 2 Erkundungskarten ab.
Das erlaubt uns einen Teil des Scripts auszuführen.
Wir lesen also die 975.
Danach werfen wir einen Würfel. Dieser weist uns an die 258 zu lesen.
Dort erleben wir dieses Ereignis.

Hier steigen wir mal aus. Der restliche Tag besteht noch aus der Plünderung, das Gut zum Mitnehmen und den nächtlichen Überfall. Danach beginnt der Tag von vorn. 
Überlebt mindestens einer der Start-Charaktere alle Kapitel, haben wir "gewonnen".


Erst durch das Leiden erfährt der Mensch, dass er göttlichen Ursprungs ist und nicht ein Tier.

(Paul Ernst)

Viele Lorbeeren hat “This War of Mine” erhalten. Ganze Lobeshymnen wurden geschrieben und alles in allem wurde das Spiel sehr positiv aufgenommen. Ich selber habe es versucht. Fünf endlose Partien lang suchte ich nach dem Juwel, das mir angepriesen wurde. Doch, so viel sei verraten, ich habe es bis heute nicht gefunden. Weder solo, noch kooperativ. Immer wieder war ich eher enttäuscht, als gefordert.

Die neue Art Geschichten mit Brettspielen zu verknüpfen sollte “This War of Mine” sein. Doch ganz so viel Neues erkenne ich leider nicht. Viel mehr, dass man ein an sich einfaches Spiel, welches am Computer vollkommen unkompliziert abläuft, durch ein Regelgerüst schief aufgestellt hat, nur um ein zentrales Script als neue Hoffnung darzustellen. Das Script selbst erinnert dabei sehr stark an die Fighting Fantasy Bücher, die so ziemlich jeder Rollenspieler in seiner frühen Jugend konsumiert haben dürfte. Ihr kennt sie sicherlich. Sie trugen so markante Namen, wie “Labyrinth des Todes” und stellten uns immer wieder vor die Wahl: “Was wollt ihr tun? Greift ihr an (389), versucht ihr zu verhandeln (417), rennt ihr davon (32) oder habt ihr einen Silberpfeil bei euch (333)?” Die Bücher, bei denen hinter jeder noch so kleinen Entscheidung der Tod und damit das Ende der Geschichte lauerte.

An diese Zeit fühlte ich mich bei “This War of Mine” zurückversetzt. Kam das Script mal zu tragen, waren die Entscheidungen – welche im Normalfall ein zentraler Bestandteil eines Brettspiels sind – eher so aufgebaut, dass man das Ergebnis nicht großartig abschätzen kann. Ich weiß, das gehört zum Flair des Spiels dazu, aber als Brettspiel fühlt es sich einfach für mich irgendwie falsch an, was wirklich schade ist, denn einige der Geschichten sind wirklich gut. Gut im Sinne von, sie gehen unter die Haut. Kratzen mit Fingernägeln über die Tafel, um einen wach zu rütteln. Geschichten, die einen noch Wochen später verfolgen und nicht loslassen. Doch reicht das, um ein gutes Spiel auszumachen?

Ich sage nein. Denn das Drumherum muss für mich auch stimmen. Und so haben wir uns dank eines repetitiven Ablaufs während des Spiels weniger mit dem wirklich positiven Teil beschäftigen können. Immer wieder kleine Plättchen aus einem Wimmelbildkasten suchen, immer wieder dieselben Aktionen durchführen, immer wieder einen Charakter leiden lassen. Erschrocken war ich, wie kalt es mich teilweise lies, wenn eine Figur dann aus dem Spiel ausgeschieden ist. Ob es daran lag, dass im Grunde genommen keiner “seinen” eigenen Protagonisten hatte, sondern jeder alle steuert, oder der Gewissheit, dass früher oder später sowieso jeder von ihnen sterben wird, ich kann es nicht sagen. Bei mir hat sich dadurch kein Gefühl der Hoffnungslosigkeit breitgemacht. Ich fühlte mich ausgeliefert, genervt, gelangweilt.

Für mich persönlich ist das Experiment “This War of Mine” in die Hose gegangen. Will ich spielerisch mit anderen Geschichten erleben, dann bin ich mit Rollenspielen besser bedient. Möchte ich komplexe Lebenssimulationen spielen, wende ich mich dem Computer zu. Habe ich das Bedürfnis eine gute Geschichte zu konsumieren, lese ich ein Buch oder sehe mir einen passenden Film an. Doch von Brettspielen erwarte ich dann doch etwas Anderes. Hier suche ich andere Herausforderungen und Zerstreuungen. Mal komplex, aber beeinflussbar, mal vollkommen belanglos und unkontrollierbar, aber voller Spaß mit Freunden. Das kann “This War of Mine” für mich nicht erfüllen. So dass der fünfte auch mein letzter Anlauf war.

This War of Mine

Asmodee 2018


Autoren: Michal Oracz, Jakub Wisniewski
Dauer: ca. 1 Stunde je Unterkapitel – Speicherbar
Spieler: 1 – 6
Schwierigkeit: Fortgeschritten

Anmerkungen

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