Glosse – Unangenehme Themen

Wir kennen das alle. Die einen mehr, die anderen weniger. Wobei ich mich weigere das von Empathie abhängig zu machen. Ich spreche von unangenehmen Themen in Spielen. Es gibt die einen, die keine Kriegs-Spiele haben möchten und die anderen, die bereits beim Anblick eines Covers in eine Tirade über das schreckliche Motiv verfallen. Ich weiß, das waren jetzt zwei Extrembeispiele, aber was bringt es in der Mitte zu stochern, dort bei denjenigen, denen vieles egal ist? Wir wollen die Extreme beleuchten.Dabei oute ich mich gleich zu Beginn. Bisher ist mir noch kein Thema untergekommen, das mich von einem Spiel abgehalten hätte. Aber sag niemals nie. Wer weiß, was noch alles auf den Markt kommt. Wobei ich hoffe, dass uns geschmacklose Entgleisungen, wie ein „KZ-Manager“ (C64) erspart bleiben werden. Wobei, da ist sie ja schon, die Hemmschwelle. Der natürliche Indikator für einen selbst, wann ein Thema als nicht akzeptabel für ein Spiel erscheint. Natürlich bin ich mit dem obigen (aber leider realen) Beispiel über das Ziel hinaus geschossen, denn es gibt ja noch diverse Abstufungen. Beginnen wir aber vielleicht lieber mit dem gleichzeitig am weitesten verbreiteten „Schocker“, der so manchen bereits von einer näheren Beschäftigung mit einem Titel abschreckt. Der 2. Weltkrieg.


Wir müssen uns nichts vormachen. Der 2. Weltkrieg war schrecklich. Aber gleichzeitig ist er spielerisch faszinierend. Woran kann das liegen? Auf der einen Seite natürlich, weil jeder von uns sich mehr oder weniger damit auskennt. Hier muss man sich nicht mit Orks, Elfen und Untoten identifizieren. Wir alle kennen Deutschland, Italien, Frankreich und Co. Wir können sofort für „unser“ Land antreten. Dabei macht sich aber der geneigte Spieler wenig Gedanken. Dafür ist alles zu abstrakt. Man verschiebt eine kleine menschliche Miniatur in ein anderes Land und vernichtet den Gegner dort. Wo real viele Menschen ihr Leben ließen werden hier nur Pöppel entfernt. Doch beginnt hier schon die Hemmschwelle für viele. Krieg ist grausam und spielerisch nicht erlebenswert. Gleichzeitig zeigt sich jedoch ein anderer, interessanter Aspekt. Haben diese Spieler mit dem Thema 2. Weltkrieg ein Problem können sie dennoch gerne die Schwerter auf dem Schlachtfeld im Mittelalter kreuzen. Dabei zeigt sich meiner Meinung nach, dass mit der Zeit und der daraus resultierenden Distanz auch eine Akzeptanz des Themas eingeht. Je weiter das Grauen entfernt ist, desto einfacher scheint man es ausblenden zu können.

Dabei hilft natürlich eine gewisse Abstraktion. Wie oben bereits gesagt werden wir in Spielen nie mit grausamen Details unserer Entscheidungen, Siege und Niederlagen konfrontiert. Wir sehen keine Schlacht-Opfer blutend im Matsch liegen, sondern nur einfache Figuren auf einem fiktiven Plan. Doch mal ehrlich, wer von uns möchte wirklich mit der Realität konfrontiert werden? Nehmen wir doch mal als Beispiel die ganzen Mittelalter-Spiele. Wer möchte sich denn mit mangelnder Hygiene und daraus resultierende Krankheiten beschäftigen? Wir haben doch ein gewisses Bild vom Mittelalter, das nicht zuletzt von Ritterspielen und entsprechenden Märkten geprägt wurde. Genau diese Klischees wollen bedient werden. Genau das erwarten wir.


Dem entgegen steht ein Artikel über Istanbul. Ich weigere mich hier bewusst von einer Rezension zu sprechen, da der geneigte Autor Istanbul als reines Glücksspiel abtut. Das zeigt mir persönlich schon, wie wenig er vom Medium Spiel weiß. Was jedoch wichtiger ist, er kritisiert das Orient-Bild, das thematisch abgebildet ist. Hier ist ein Markt und dort natürlich der kriminelle Verwandte. Es wird geschachert und wir haben sogar eine Döner-Bude. Was uns wahrscheinlich überhaupt nicht aufgefallen ist, kann andere wieder vollkommen vor den Kopf stoßen. Wo wir wieder beim Thema wären. Denn so unverständlich es für manche ist, kann ein einfaches Familienspiel wie Istanbul dazu beitragen, eine Abneigung zu entwickeln. Natürlich werden hier Klischees bedient. Und das ist ganz normal und hat mit Fremdenhass überhaupt nichts zu tun. Wie oben bereits beim Mittelalter presst man das Thema in ein Korsett, das von uns Spielern akzeptiert wird. Dabei würde niemand von uns behaupten, dass im Osten alle wie dargestellt sind. Für mich fasse ich das mal ganz einfach zusammen. Es gibt hier, wie dort oder überall auf der Welt Menschen, mit denen ich mich gerne beschäftige, diejenigen, die mich nicht interessieren und Arschlöcher, die mich aufregen… Unabhängig von Nation, Glaube oder politischem Interesse. Stört es mich, dass Deutsche im Ausland meistens mit Lederhose, Bier und Wurst in Verbindung gebracht werden? Nein, ich finde es ehrlich gesagt irgendwie lustig. Und ich hoffe, dass dort auch genügend Differenzierung da ist, dass die Konsumenten auch wissen, dass das ganze eben nicht der Realität entspricht.

Der eine oder andere von euch wird sich nun fragen, wie man bei Istanbul nur so verbissen sein kann. Einem Einzelfall. Mitnichten. Wer die jüngste Vergangenheit in der Spieleszene betrachtet hat weiß, dass es auch so manch anderes, „harmloses“ Spiel getroffen hat. Nehmen wir Mombasa als Beispiel. Die Schachtelgrafik hatte für einen kleinen Aufruhr gesorgt. Schließlich wird dort die Kolonialzeit verharmlost. Oder wie ist das mit Sexismus? Wenn irgendwo auf dem Cover wieder eine groß „blusige“ Dame ihre Reize zeigt? Ehrlich gesagt fällt mir so etwas gar nicht auf. Und ich glaube auch nicht, dass irgendwer auf die Schachtel schaut und meint das Spiel wegen gewissem Holz vor der Hütte kaufen zu müssen.

Aber eines ist mir dabei häufig aufgefallen. Sie es bei Istanbul, Mombasa oder sonstigem. Es melden sich vorwiegend Leute zu Wort, die selbst nicht betroffen sind. Es werden Aufregungen provoziert und Meinungen für diejenigen gebildet, die (je nach Auffassung) entweder vollkommen vor den Kopf gestoßen sein müssen oder die über genügend Humor verfügen um einzusehen, dass das Ganze nicht ernst gemeint ist. Mir persönlich wäre es einfach mal wichtiger, dass diejenigen, die sich groß Brüskieren mit den betroffenen „Minderheiten“ sprechen, anstatt sich einzubilden die Meinung bereits zu kennen. Denn nur in der Kommunikation können wir voneinander lernen und aufeinander eingehen. Vielleicht braucht es dann auch keinen Mini-Shitstorm.

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