In der Brettspielszene gibt es viele, die ihre Freizeit opfern, um über das Hobby zu berichten. Dabei ist jedes Medium vertreten. Ob Fanzine, Youtuber, Blogger oder Podcaster. Für jeden ist etwas dabei. Einer der bekanntesten und gleichzeitig derjenige, der am meisten polarisierenden Youtuber ist der Boardgamedigger.

Christian war Neugierig und hat sich mit ihm zusammengetan, um ihn zu interviewen. Dabei lernen wir etwas über die Person hinter dem Boardgamedigger. Wie er lebt, was ihn auf die Palme bringt, was ihn so antreibt und warum er Cthulhu: Death may Die mit auf eine einsame Insel nimmt.


Was war deine Intention einen Brettspiel-Youtube-Kanal zu gründen und hast du die Entscheidung jemals bereut?
Ursprünglich ging es darum sich noch einmal auf eine andere Art und Weise mit unserem Hobby, dem Brettspielen zu beschäftigen, wenn gerade mal niemand greifbar ist, um tatsächlich zu spielen. Bereut habe ich den Start nie, auch wenn er bis heute Unmengen an Zeit und Geld verschlungen hat. Die Zuschauer geben einem letztendlich auch viel zurück. Und das Wichtigste: Der Spaß daran ist uns noch nicht verloren gegangen. Wir fangen gerade erst an.

Was würdest du heute anders machen, wenn du wieder zurück zum Anfang gehen könntest?

Sicher nicht viel anders. Hätte ich irgendetwas anders gemacht, wäre es heute vielleicht nicht so wie es jetzt ist, und das wäre dann wirklich sehr schade. Ok, ein vernünftiges Mikrofon hätte ich mir besser gekauft.

 

„(…) gescriptete Gags und Videos find ich persönlich immer unangenehm (…)“

 

Wie viel Zeit investierst du in die Arbeit in deinen Kanal und wie bereitest du dich auf neue Videos vor?

Der Kanal verschlingt in der Woche sicher an die 25-30 Stunden Zeit, so genau nachhalten kann man das nicht. Möchte ich auch nicht so gerne, es ist erschreckend genug. Ich bereite mich wenig bis überhaupt gar nicht auf meine Videos vor. Erfahrungsgemäß kommt dann doch beim Dreh alles anders. Wenn ich mal eine Liste mache, dann schreibe ich mir die Spiele vorher auf, damit ich kein Spiel vergesse. So übervorbereitete, gescriptete Gags und Videos find ich persönlich immer unangenehm und fremdschambehaftet, das überlasse ich dann lieber einigen der Kollegen. 😉

Wie sieht denn so ein typischer Tag im Leben des Boardgame Diggers aus?

Aufstehen, mit den Hunden rausgehen, die Hühner füttern, mit dem Auto zur Arbeit, um 17 Uhr wieder zu Hause, Abendessen und dann bestimmt der Wochentag den weiteren Verlauf. Montags spielen, mittwochs spielen, am Wochenende spielen. Nebenher irgendwie meine Videos noch drehen und bearbeiten. Klingt aufregend, ist in erster Linie aber auch sehr anstrengend. Familie, Haus, Tiere und Swetlana (die übrigens einen Großteil der Arbeit hinter den Kulissen mitträgt, ohne Swetlana wäre das alles so nicht möglich) verlangen ja auch noch Zeit. Und jetzt ist der Meeple Porn Podcast als zeitliche Mehrbelastung noch dazu gekommen.

 

„Man ist ja auch immer nur so lang hilfsbereit und lustig, bis irgendjemand versucht dich oder deine Zuschauer für dumm zu verkaufen.“

 

Wir alle wissen, dass der Boardgame Digger recht polarisierend ist und er auch mal gerne auf die Pauke haut. Dich selbst habe ich als recht umgänglichen, hilfsbereiten und lustigen Typen kennengelernt. Wie viel Stephan steckt also tatsächlich im Digger?

Das musst du die Leute fragen, die mich über den Kanal kennengelernt und seitdem viel Zeit mit mir verbracht haben. Ich habe allerdings das Talent auch mal für andere unangenehme Sachen und Missstände anzusprechen. Im Brettspielbereich gibt es einige davon. Das beginnt mit der Politik einiger anderer Kollegen, das geht von schwarzen Einnahmen, über verwaschenen Meinungen, geheime Absprachen, gekaufte Abonnenten oder ominösen Kirchengemeinden die in Wahrheit hinter der eigenen Darstellung stehen. Auf der anderen Seite wären da noch viele Verlage, die in Service- und Produktqualität, Kundenfreundlichkeit und im medialen Entwicklungsverständnis, gefühlt noch im ISDN Zeitalter hängen geblieben sind, und aus meiner Sicht Schindluder mit den Brettspielern betreiben.

Natürlich gibt es überall Ausnahmen. Ärgerlich finde ich es trotzdem. Außer mir anscheinend aber niemand. Eine erschreckende Entwicklung finde ich auch, dass Endkunden die Verlage trotz mangelhafter Arbeit in Schutz nehmen. Wir könnten alleine über diese Themen zwei Interviews führen. Die Schelte der polarisierenden Pauke nehme ich dann aber auch gerne auf mich.

Man ist ja auch immer nur so lang hilfsbereit und lustig, bis irgendjemand versucht dich oder deine Zuschauer für dumm zu verkaufen. Du merkst, ich bin da sehr emotional, insbesondere, wenn es um den Schutz meiner Community geht. Swetlana und ich, wir haben beide einen ausgeprägten Sinn für Ungerechtigkeit.

Alle unsere Freunde haben mit uns sicher zwei sehr verträgliche Menschen und starke Verbündete auf ihrer Seite.

2018 gab es ja einen Eklat um den deutschen Spielepreis. Ich kann mir gut vorstellen, dass du aus Enthusiasmus heraus den Vorschlag zur Klong Promo gemacht hast. Hättest du gedacht, dass eine solche Bemerkung solche Wellen schlagen kann?

Alte Kamellen von vor zwei Jahren. Auch wenn ich für einige Leute der alten Garde deswegen immer noch das schwarze Schaf bin. Mit dem F. Merz Verlag haben wir uns längst ausgesöhnt und heute ein sehr gutes Verhältnis zu Frau Metzler.

Wie sich jeder denken kann, habe ich das ja damals nicht frei erfunden. Es gibt immer zwei Seiten und damit zwei Mitverantwortliche für den Vorfall. Die eine Seite hat alles von sich gewiesen und höchstwahrscheinlich trotzdem gut davon profitiert. War für mich damals auch ok, da war der Kanal ja noch ein reines Hobby. Bis heute habe ich auch kein eigenes Klong!

Man ist ja in einem ständigen Lernprozess. Hat dich das Ganze in deiner Arbeit beeinflusst?

Na klar. Ich vertraue seitdem nur in uns selbst (und in meinen Chef… [der hat mir gerade über die Schulter geschaut und gesagt ich soll das ergänzen, ich bin nämlich gerade auf der Arbeit.]).

 

„(…) auch, wenn ich in meinen Videos regelmäßig dazu aufrufe, selbstständig und reflektiert zu denken.“

 

Würdest du nach dieser Erfahrung sagen, dass die Reaktion zeigt, dass in der Brettspiel-Szene eine gewisse Macht von Youtubern, Bloggern, Influencern ausgeht?

Ja, ich glaube das war am Ende ein recht schlagkräftiger Beweis, auch, wenn ich in meinen Videos regelmäßig dazu aufrufe, selbstständig und reflektiert zu denken. Dazu gehört auch nicht wahllos neue Spiele zu kaufen, sondern einfach mal die Spiele zu spielen, die man hat. Allerdings bin ich da selber wohl kein gutes Beispiel.

Gab es eigentlich schon mal Versuche von Verlagen dich zu beeinflussen? Wie hast du darauf reagiert?

Bei mir hat sich das tatsächlich noch niemand getraut. Mein subjektiver Geschmack und das Spielerlebnis der Gruppe am Tisch ist für mich immer ausschlaggebend dafür, wie mein Fazit zu einem Spiel am Ende ausfällt. Und das wird 1:1 auch ins Video transferiert. Jeder, der uns regelmäßig verfolgt weiß das aber auch. Viele Verlage müssen das aber auch noch dazu lernen. Der eben angesprochene Vorfall des DSP 2018 zeigt ja auch sehr gut, dass man auch mit negativer Aufmerksamkeit gute Verkaufszahlen erreichen kann. Da würde ich mir insgesamt mehr Mut aller Beteiligten wünschen.

Selcuk wurde allerdings schon angeschrieben. Da gibt es doch diese Frau F., die alle Leute ständig mit ihren Spielerreisen nervt und überall Werbung spammt. Die wollte mal, dass er im Boardgame Digger Blog eine positive Empfehlung dafür ausspricht.

Deine Regalbesuche sind ein Format abseits des Youtube-Einheitsbreis. Wie bist du auf die Idee gekommen? Was sind die Reaktionen darauf?

Ich versuche allgemein abseits des Youtube-Einheitsbreis zu bleiben, was uns mit dem Kanal auch wirklich gut gelingt, ohne dass die Videos irgendwie gezwungen wirken.
Überhaupt bewegt sich der Kanal ja in letzter Zeit immer mehr abseits des Brettspiel Youtube Mainstreams: Schlag den Digger, Meeple Porn Podcast, Boardgame Kitchen, interaktive Livestreams mit Telefonschaltung, Roadtrips, Community Wochenenden.
Für mich persönlich eine sehr dankbare Entwicklung, wobei es den Zuschauern wohl auch so geht.
Die Regalbesuche haben einfach den Zahn der Zeit getroffen, der Community mal Gesichter zu verpassen und einen Einblick zu geben, darin was seinen Weg tatsächlich in die Regale der Menschen an den Empfangsgeräten findet. Eins meiner liebsten Formate.
Unsere Ideen kommen uns wie bei anderen Menschen auch beim Autofahren, beim Duschen oder auf dem Klo. Wir setzen uns nicht gezielt hin und brainstormen, was wir mal wieder machen könnten.

Was liegen denn noch für Ideen in der Schublade? Was können wir vom Boardgame Digger noch so erwarten?

Ideen haben wir noch ganz viele. Es scheitert einfach schlicht an der Zeit. Wir hoffen mit der Unterstützung der Zuschauer vielleicht irgendwann beruflich ein bisschen kürzertreten zu können und uns damit mehr Spielraum für unsere Produktionen und Formate zu verschaffen. Einfach um weiterhin frisch, innovativ und unterhaltend zu bleiben. Bis dahin ist es aber noch ein langer Weg.

Wie sieht für dich das perfekte Youtube-Brettspielvideo aus, das du dir gerne ansiehst?

Das perfekte Youtube-Brettspielvideo sieht wohl jeder unterschiedlich. Für mich war es dieses Jahr das „Digger in Gefahr“ Video auf dem eigenen Kanal. Mit Brettspielen hatte das natürlich eher weniger zu tun. Aber auch das kann Brettspiel-Youtube sein.

Gibt es Youtube-Kanäle oder Homepages zum Thema Brettspiel, die du selbst gerne konsumierst? Was macht sie in deinen Augen besonders?

Tatsächlich habe ich damit begonnen Reize abzuschalten und mich möglichst wenig bei Youtube rumzutreiben. Beziehungsweise auf Brettspielkanälen. Auch, weil ich viele Kanäle einfach nicht mehr ernst nehmen kann. Die einzige Seiten, die ich regelmäßig besuche, sind tatsächlich Kickstarter und unsere eigene Community Seite bei Facebook. Inspirationen gibt es da für mich genug.

 

„Wenn jemand seinen eigenen Brettspiel Kanal gründen will, dann traut euch ruhig.“

 

Was ist für dich der größte Fehler, den man als Brettspiel-Youtuber machen kann?

Es allen Leuten Recht machen zu wollen. Ich selber habe vor dem Kanal keinen Dunst von Technik, Schnitt oder Youtube gehabt und wir haben uns alles selbst angelesen, angeschaut und ausprobiert. Wenn jemand seinen eigenen Brettspiel Kanal gründen will, dann traut euch ruhig. Ich gebe euch gerne alles Wissen mit auf den Weg, welches ihr für einen Start braucht, damit ihr es leichter habt als wir damals.

Wenn ich eines gelernt habe, dann, dass Hilfsbereitschaft rar gesät, Missgunst und Besserwisserei hingegen weit gestreut ist.

Nehmen wir mal an du würdest irgendwann ein Angebot erhalten in der Brettspielbranche zu arbeiten. Würdest dich das reizen?

Vermutlich nicht. Es sei denn es wäre ein bestimmtes Format, das ich dann machen dürfte. Aber das verrate ich nicht, vielleicht machen wir das irgendwann mal selber.

Nun noch ein paar persönliche Fragen. Jeder muss da durch.
Was tust du, wenn du nicht spielst oder an neuen Spielen arbeitest? Hast du überhaupt Zeit für andere Hobbys?

Leider überhaupt gar nicht. Meine wenige Zeit verbringe ich dann mit den Tieren und Swetlana. Abends schaffe ich es im Bett mal in einem Buch zu lesen, oder eine Serie zu schauen. Wenn wir es alle paar Wochen in eine Sauna schaffen, dann ist das tatsächlich schon Luxus. Dabei würde ich gerne wieder mehr Computerspielen, was seit jeher eine große Leidenschaft von mir war.

Welches Buch hat dich zuletzt fasziniert und was macht es besonders?

Das ist für mich immer die einfachste Frage, wobei ich da mehrere Empfehlungen habe.

„Tagebücher der Apokalypse“ ist ein Vierteiler, in dem ein Marineflieger, zu Neujahr den Entschluss fasst ein Tagebuch zu schreiben und dann den Weltuntergang durch eine Zombieapokalypse dokumentiert. Gibt es auch als Hörbuch fürs Auto. Ein Meisterwerk von J.L. Bourne.

Wer es fantastischer mag, für den führt kein Weg an der „Die Zwerge“ Reihe von Markus Heitz vorbei. Mit das Beste was ich in meinem Leben jemals lesen durfte. Schlägt für mich sogar den Herrn der Ringe.

Als Tech-Thriller „Im Sturm“ von Tom Clancy, das ich seit 20 Jahren einmal im Jahr lese. Eine Schilderung des dritten Weltkriegs auf europäischem Boden zwischen der NATO und der UDSSR.

Und als historische Romane wäre da noch die Uhtred-Saga. Der erste Band heißt „Das letzte Königreich“ von Bernard Cornwall. Keine Reihe beschreibt die Grausamkeiten des Zeitalters der 900er Jahre detaillierter und zu großen Teilen historisch korrekt. Habe ich alle Teile gefressen.

Vielleicht sollte ich mal eine Bücher Liste auf dem Kanal machen. 🙂

Erzähl uns von deinem absoluten Lieblingsfilm und warum wir ihn gesehen haben sollten.

Das ist sehr schwierig, ich bin nie so ein riesiger Film-Fan gewesen. Einen bleibenden Eindruck haben bei mir in der Kindheit „Willow“, „Die Goonies“, „Die Reise ins Labyrinth“ und „Der Schneeballkrieg“ hinterlassen. Alle Filme MUSS man gesehen haben, gerade der letztgenannte Film ist recht unbekannt und einfach großartig.

Du strandest auf einer einsamen Insel. Welche 5 Spiele willst du bei dir haben und warum?

Western Legends, Obscurio, A Wonderful World, Cthulu: Death May Die, Sub Terra.

Würde ich dann ein großes Feuer mit entzünden, wenn ein Schiff vorbeifährt, dass mich dann aufnimmt und wieder nach Hause in mein Spielezimmer zu Swetlana und den Tieren bringt.

Du kommst in die Hölle. Welches Spiel musst du als Strafe immer und immer wieder spielen und warum quält es dich so?

Wie kommt man auf solche Fragen? Jeder Zuschauer kennt die Frage. Fängt mit C an und hört mit ABO auf. Einfach ein furchtbares Spiel. In den letzten Monaten konnte ich es allerdings jedes Mal abwenden, wenn Swetlana es auf den Tisch bringen wollte.

Gibt es irgendwas, was du der Spieleszene schon immer sagen wolltest, dich aber noch nie getraut hast?

Diese Frage muss versehentlich in den Fragebogen gerutscht sein.

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Written by Christian Renkel
Christian liebt Brett- und Videospiele mehr, als ausreichenden Schlaf. Dabei ist ihm am wichtigsten, dass er in der jeweiligen Welt versinken kann. Egal, ob es die geschickte Mechanik oder die überkochende Emotion ist. So erreicht ihr ihn: Christian@Spielstil.net

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